Kürzlich sorgte ein Artikel der Kollegen des SPIEGEL für Aufruhr in der Klassikszene: "Warum Oldtimer plötzlich out sind" lautete die reißerisch verknappte Überschrift. Nur ist es so einfach eben nicht. Denn das Gegenteil ist der Fall: Alte Autos werden immer beliebter. Aber man muss (wie es auch in dem Artikel geschah) genau differenzieren. Die Nachfrage bleibt hoch, verschiebt sich aber Die Zeiten des sogenannten Garagengolds seien vorbei, heißt es. Der Automobilclub von Deutschland (AvD) hat sich dieser These angenommen und muss mit Blick auf die aktuellen Kennzahlen deutlich widersprechen. Denn die Anzahl der in Deutschland zugelassenen historischen Fahrzeuge nimmt weiterhin zu und die Nachfrage ist ungebrochen hoch. Was sich jedoch wandelt, ist das Interesse an bestimmten Modellen. Besonders gefragt sind immer häufiger Youngtimer mit Baujahr in den 1990ern und frühen 2000er-Jahren. Beliebt bei jungen Leuten sind Youngtimer wie solch ein BMW 330Ci von 2003 Nach den jüngsten Veröffentlichungen des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) steigt der Bestand an Pkw mit Oldtimerstatus in Deutschland kontinuierlich: von 793.589 Fahrzeugen im Jahr 2023 auf 846.562 (+6,7 Prozent) im Folgejahr und 888.355 (+4,9 Prozent) zu Beginn des Jahres 2025. Die Gesamtzahl der Autos, die 30 Jahre und älter sind, lag bereits im vergangenen Oktober bei über 1,55 Millionen. Zu diesen klassischen Oldtimern kommt eine große Zahl an Youngtimern mit einem Alter von mehr als 20 Jahren. Hier liegt der aktuelle Bestand bei über 4,65 Millionen Fahrzeugen. Diese Werte deuten bereits auf eine Verschiebung des historischen Fahrzeugmarktes hin. Junge Klassiker im Fokus Abgesehen von echten Kultmodellen wie dem VW Käfer oder Mercedes 300 SL Flügeltürer verlieren traditionelle Oldtimer aus der Zeit vor 1970 ein wenig an Attraktivität. Gleichzeitig steigt aber das Interesse an den jüngeren Klassikern. Eine Verschiebung, die völlig normal ist. Stichwort "Angebot und Nachfrage". 1977 endete die Produktion des NSU Ro 80. Die meisten Menschen unter 50 haben ihn also kaum noch im Alltag erlebt. Gerade junge Einsteiger in die Altblech-Szene können mit bürgerlichen Modellen wie einem Opel Olympia Rekord, Ford 12M oder auch NSU Ro 80 nicht mehr viel anfangen. Man kennt diese Autos kaum noch, oft sind sie im Alltag nicht leicht zu fahren und auch die Ersatzteillage ist teils überschaubar. Gleichzeitig wurden viele dieser Fahrzeuge vor 20, 30 Jahren, als die Oldtimerei ein immer populäreres Hobby wurde, gut restauriert. Und bis heute in Schuss gehalten. Diese Kosten möchten die Besitzer natürlich bei einem Verkauf wieder einspielen. Aber das wird irgendwann schwierig, wenn 35 gute Ro 80 auf dem Markt sind, aber nur 5 eventuelle Interessenten. Cool statt Chrom Und vergessen wir nicht den "Coolness-Faktor" für soziale Medien. Dort kommt ein leicht modifizierter BMW 3er der Baureihe E30 (1982-1991) einfach besser und sorgt für mehr Likes. Apropos leicht modifiziert: Hier sorgen Originalitätsfanatiker unter den alten Oldtimer-Freunden für eine Undurchlässigkeit gegenüber jungen Leuten. Doch genau das braucht es, wenn die starken "Babyboomer"-Jahrgänge in Rente gehen und irgendwann aus Altersgründen ihr Fahrzeug veräußern wollen. Ein guter Ansatz kommt vom Mercedes-R/C-107-Club (das sind SL und SLC ab 1971): Dort überlässt man ein solches drei Monate lang jungen Leuten, um sie an das Hobby heranzuführen. BMW 324d (E30) von 1986 Mercedes SL (Baureihe 107, 1971-1989) Aber zurück zum Generationenwechsel unter den Käufern. Dieser Sammler-Nachwuchs ist heute 40 oder 50 Jahre alt und bevorzugt Autos, die sie aus ihrer Jugend kennen, möglichst im Originalzustand und mit geringer Laufleistung. Zudem ist eine Abkehr vom reinen Anlageobjekt, dem Garagengold, hin zu einem technisch zuverlässigen historischen Fahrzeug zu beobachten, welches deutlich mehr im Alltag eingesetzt werden kann. Angebot trifft auf Nachfrage Modelle wie der Audi Coupé, BMW 3er (E36), Porsche 944 oder VW Golf IV stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Ein weiterer entscheidender Faktor ist die gute Verfügbarkeit von Original-Ersatzteilen sowie qualifiziertem Fachpersonal für Wartung und Instandhaltung. Insgesamt gilt aber auch: In wirtschaftlich eher problematischen Zeiten wird das Geld eher zusammengehalten. Diese veränderte Nachfrage führt zu unterschiedlichen Wertentwicklungen. Die Historic Automobile Group International (HAGI) erhebt seit Jahrzehnten weltweit Fahrzeug- sowie Transaktionsdaten und veröffentlicht regelmäßig Indizes zur Preisentwicklung klassischer Automobile. Demnach sind insbesondere bei Fahrzeugen mit hoher Verfügbarkeit Preisrückgänge zu verzeichnen. Dies ist beispielsweise beim Mercedes SL "Pagode" aus den 1960er-Jahren oder beim Porsche 911 F-Modell (1965-1973) zu beobachten. Porsche 911 (1966) in Sandbeige Das Besondere im Blick Wer in den letzten Jahren solch ein Modell wollte, hat inzwischen eins. Nun verlagert sich das Interesse auf besondere Stücke, wie Dietrich Hatlapa erläutert: "Zustand, Historie und Dokumentation sind ebenso entscheidend für die Wertentwicklung", sagt der HAGI-Experte. "Der Markt ist sehr selektiv." So berichtet Hatlapa von einem BMW Z3 M, der deutlich über dem marktüblichen Preis verkauft wurde. Dieses Modell gehört eigentlich zu den produktionsstärkeren, entscheidend war jedoch eine seltene Farbe! Natürlich gilt generell: Deutsche Marken werden in Deutschland immer die meisten Fans haben, dort aber auch primär deren wichtigste Klassiker: Käfer, Golf, SL, W123, W124, Manta, 3er und ähnliche. Das zeigt auch die jährliche Top 10 der beliebtesten Oldtimer. Franzosen, Amis, Japaner oder Italiener haben es schon schwieriger, von Evergreens wie Ferrari, Corvette oder Ente abgesehen. Festzuhalten bleibt, dass Old- und Youngtimer weiterhin voll im Trend sind. Klassik-Messen, wie die Techno-Classica in Essen (zuletzt knapp 200.000 Besucher) oder die Retro Classics in Stuttgart (fast 80.000) verzeichneten auch in 2025 wieder steigende Besucherzahlen und immer mehr Aussteller.