Ob der Job des CEO eines großen Autoherstellers nun ein Traumjob ist, sei mal dahingestellt. Doch manches Mal gibt es Verantwortlichkeiten in diesem Beruf, die mit weitreichende Konsequenzen einhergehen. Besonders anspruchsvoll ist es, ein Unternehmen in einer ernsten Krise zu führen, wie es derzeit bei Nissan der Fall ist. Ivan Espinosa stellte sich dieser Aufgabe, als der Verwaltungsrat dafür stimmte, Makoto Uchida abzulösen und ihn zum neuen CEO zu ernennen. Seitdem läuft bei Nissan ein beispiellos radikaler Restrukturierungsplan: Sieben Werke und zwei Designstudios werden geschlossen, zudem soll die Belegschaft um 20.000 Stellen schrumpfen. Bevor diese Maßnahmen in den kommenden Jahren voll durchschlagen, rechnen die Japaner für das Geschäftsjahr 2026 (endet am 31. März) mit einem jährlichen Nettoverlust von 4,2 Milliarden US-Dollar. Das würde auf einen Verlust von 4,5 Milliarden US-Dollar im vorherigen Geschäftsjahr folgen. Wie man sich vorstellen kann, ist es für Ivan Espinosa nicht einfach, unzählige Prioritäten gleichzeitig zu managen, während er Nissan zu einem nachhaltig tragfähigen Geschäft umbauen will. In einem Interview mit The Financial Times (Abo erforderlich) räumte der CEO offen ein, wie hektisch seine Arbeitstage sind: "Jeden Morgen passieren so viele Dinge, dass es einem Angst macht." Nissan-CEO Ivan Espinoza Zwischen der Umsetzung eines harten Kostensenkungsprogramms und der Überarbeitung einer in die Jahre gekommenen Modellpalette blickt Espinosa zugleich auf das große Ganze – und erkennt Nissans Verwundbarkeit an: "Für Unternehmen unserer Größe wird es in diesem Umfeld zunehmend schwierig, relevant zu bleiben. Man muss offen und flexibel bleiben." Zur Erinnerung: Gespräche mit Honda endeten vor rund einem Jahr, als sich die Diskussionen von einer möglichen Fusion unter Gleichen hin zu dem verschoben, was Nissan als Übernahmeversuch betrachtete. Berichten zufolge scheiterten die Verhandlungen, nachdem Honda vorgeschlagen hatte, den Großteil der Direktoren sowie den CEO des gemeinsamen Unternehmens zu stellen. Auch wenn die Debatte über eine engere Verbindung längst wieder abgeflaut ist, sagt Nissans Chef nun: Möglich ist alles. Auf die Frage, ob das Unternehmen eines Tages verkauft werden könnte, schloss Espinosa das nicht vollständig aus: "In dieser verrückten Welt kann alles passieren." Diese Aussage ist für sich genommen schon kontrovers. Doch sie lässt noch mehr Interpretationsspielraum, wenn man sie mit seinem Eingeständnis kombiniert, dass es für Nissan in dieser hart umkämpften Branche schwer sei, allein relevant zu bleiben. Nissan Versa (Modelljahr 2027) Trotzdem sollten diese Aussagen nicht als Hinweis verstanden werden, dass Nissan zum Verkauf steht. Der japanische Autobauer hält daran fest, aus eigener Kraft zu bestehen. Wettbewerbsfähiger will Nissan unter anderem werden, indem die Entwicklungszeit für ein komplett neues Modell drastisch auf 37 Monate sinkt; Facelifts und Folgeversionen sollen in nur 30 Monaten entstehen. Natürlich würde es vieles erleichtern, die Last eines umfassenden Turnarounds zu teilen. Allerdings hat der langjährige strategische Partner Renault seine Beteiligung an Nissan schrittweise reduziert. Aktuell hält der französische Konzern 35,71 Prozent an Nissan – davon 17,05 Prozent direkt. Die übrigen 18,66 Prozent liegen in einem französischen Treuhandvehikel, dessen wirtschaftlicher Begünstigter Renault ist. Statt die Zusammenarbeit mit Nissan zu vertiefen, hat Renault zuletzt einen Vertrag mit Ford unterschrieben, um zwei Elektrofahrzeuge mit dem Pflaumen-Logo zu entwickeln und zu bauen. Das erste der beiden E-Autos soll 2028 auf den Markt kommen. Nissan Frontier Pro Motor1-Fazit: Unabhängig davon, was die Zukunft für Nissan in Sachen Kooperationen, Fusionen oder anderer Partnerschaften bringt: Das Unternehmen muss heute handeln, um morgen besser dazustehen. Espinosa hat bereits gezeigt, dass er entschlossen vorgeht und auch drastische Entscheidungen nicht scheut, um den Konzern wieder auf Kurs zu bringen. Ob der Sanierungsplan am Ende weitere Hersteller einbindet, bleibt offen. Fest steht: Der Plan Re:Nissan soll erhebliche Einsparungen ermöglichen und die finanzielle Lage verbessern. Neue Produkte wie Micra, Leaf, Versa, Sentra, Elgrand und Navara sollen mehr Kundschaft in die Autohäuser locken und sinkenden Verkaufszahlen entgegenwirken. Das Comeback des Xterra kann aus Sicht vieler gar nicht früh genug kommen, außerdem zeichnet sich eine nächste Generation der Skyline-Limousine ab. In China hat das Joint Venture Dongfeng Nissan die Plug-in-Hybrid-Limousine N6 und die Elektro-Limousine N7 sowie den Plug-in-Hybrid-Pick-up Frontier Pro vorgestellt. Mit so vielen Premieren in kurzer Zeit wird deutlich: Nissan will entschlossen Tempo aufnehmen, um wieder in die Spur zu kommen.