Ich gestehe, ich hatte und habe sehr wenige Berührungspunkte mit diesem Gefährt. Zweitürige, 5,20 Meter lange Prunk-Cabriolets aus den 1970er-/80er-Jahren, die aussehen, als wäre Liberace ein Auto, sind zugegebenermaßen nicht unbedingt mein bevorzugtes Metier. Aber natürlich kann man sich solch eines opulenten Machwerks wie einem waschechten Rolls-Royce Corniche Convertible kaum erwehren, wenn es direkt vor einem steht. Und schon gleich zweimal nicht, wenn es verführerisch seine vermutlich 200 Kilo schwere Tür aufgeschwungen hat und zur Probefahrt lädt. Ich meine, wann ergibt sich schon eine derartige Gelegenheit? BMW Classic hat zur großen Ausfahrt nach Florenz geladen und selbst neben einem E28 M5, einem knallroten X5 4.6 is von 2002 oder einem Alpina Z8 wirkt der üppig geformte Rolls-Royce wie ein absoluter Exot. Bildergalerie: Rolls-Royce Corniche Convertible (1980) im Test Ist er natürlich auch. In seiner erschreckend langen Karriere (mit Stoffmütze wurde es tatsächlich von 1971 bis 1995 gefertigt) entstanden vom Cabrio lediglich 3.239 Exemplare. Beim Blick auf das völlig wahnwitzige Preisschild, ist es fast erstaunlich, dass es überhaupt so viele waren. Der Corniche war seinerzeit eines der teuersten Autos der Welt. Der Neupreis im Baujahr unseres Probanden (1980) lag in Deutschland bei gut 330.000 D-Mark. Zum Vergleich: Ein Porsche 911 Turbo lag bei um die 100.000 Mark, ein Mercedes SL 500 bei etwa 75.000 Mark. Aber er macht natürlich auch mächtig was her mit seinen acht Zylindern und 6,75 Litern Hubraum. Das merkt man ja schon beim Anlassen, wie da gleich so ein bisschen die Erde bebt und die Umgebungsluft flimmert und in der Kabine verbreitet sich gleich so eine wohlige Aura, wie sie sich nur verbreitet, wenn acht gewaltige Kanister vor einem um die Wette trommeln. Und dann drückt man seinen Schuh das erste Mal ins Pedal. Oder nein, man streichelt ihn eher ganz sachte drüber, aus Respekt vor Stammbaum und Lebensleistung dieses edlen Geblüts. Auf jeden Fall zelebriert er einen kleinen, recht tiefen Fauch-Tusch und dann rollt er würdevoll von Dannen, der erlauchte Corniche. Bilder von: BMW Classic Entschleunigung total, vor allem beim Antritt Das fühlt sich natürlich herausragend und ziemlich groß an, wie man da so halb königlich, halb mafiös durch die toskanische Zypressen-Allee paradiert. Doch da ahnt man noch nichts von dem etwas – naja, wie sag ich das jetzt, ohne, dass mir der Rolls-Aficionado, BMW Classic oder England den Kopf abreißen – würdelosen Schauspiel, das gleich folgen wird. Was solls, ich sage es frei heraus: Ich hatte von Anfang an Befürchtung, dass es in puncto Vortrieb nicht zum Versetzen von Bergen kommt, wenn 200 PS auf 2,3 Tonnen Gewicht (und eine GM-3-Gang-Automatik) treffen. Was skurriler ist, entscheiden Sie bitte selbst: 200 PS aus 6,75 Liter Hubraum oder 2,3 Tonnen Gewicht im Jahr 1980 in einem Auto ohne nennenswerte Sicherheitssysteme? In jedem Fall hat es keine gravierenden Folgen, wenn man seinen Fuß an der Bremse vorbei aufs Gaspedal gefaltet hat. Leicht seitlich gestellt, weil die Pedale so verflucht eng beisammen sind (stehen Chauffeure, Gangster und Opernsänger im Ruf, besonders schmale Gliedmaßen zu besitzen?), drückt man selbiges so weit es geht nach unten, aber statt voluminösem Antritt und imposant steigender Motorhaube gebärt der Berg ein Mäuschen. Der passende Soundtrack, um Großes zu leisten, wäre zweifelsfrei vorhanden. Die Klangkulisse, die der Corniche aus den Untiefen seiner Innereien zaubert, ist jederzeit vollmundig, dramatisch und im wahrsten Sinne tief beeindruckend. Aber wenn du in einem Fiat Panda auf die Tube drückst, passiert vermutlich mehr. Tja, sagte RR damals nicht immer hinsichtlich der Leistung: Keine Angaben, sie ist vorhanden? Wagner am Steuer des 1980er Rolls-Royce Corniche Convertible Bilder von: BMW Classic Lassen Sie uns einfach nicht mehr drüber sprechen, denn der wahre Connaisseur weiß, dass es für Eleganz, Grazie und Würde keine Beschleunigungsrekorde braucht. Stattdessen gleite ich wie kein Zweiter (Ich vermute, das darf man durchaus wörtlich nehmen. Wenn Sie wissen, wie viele Rolls-Royce Corniche in der Toskana residieren, schreiben Sie uns bitte!) durch das sanfthügelige Grün der wunderbaren Kulturlandschaft und erfreue mich an einer allgegenwärtigen Opulenz, die heutzutage völlig undenkbar wäre. Ein Traum in Holz, Leder und Fell Ich meine, schauen Sie sich doch einfach nur diesen Innenraum an. Das Leder der Firma Connolly stammt in aller Regel von Kühen aus Skandinavien, weil dort der Verzicht auf Stacheldraht für makellose Häute sorgt. 10-12 Häute sind es am Ende pro Auto. Und dann dieses Walnussholz. Es ist wirklich überall. An den oberen Tür-Abschlüssen zudem so dick, dass man damit problemlos ein Hausdach bauen könnte. Blickt man auf dieses majestätische Armaturenbrett, versteht man noch weniger, warum kaum noch ein Autobauer Edelholz im Cockpit verwendet. Würde der neuen S-Klasse auf jeden Fall besser zu Gesicht stehen als 75 Quadratmeter Bildschirm. Bilder von: BMW Classic Wo man auch hinblickt, reingrabscht oder drauftritt - es ist ein Erlebnis. Die Chromstößel für die Bedienung der Lüftung, die Klimaanlage, die in der Lage schien, mir selbst bei den gut 38 Grad Außentemperatur am Testtag Eiszapfen in den Bart zu kühlen, natürlich die zentimeterdicken Lammfellteppiche ... Interessant ist auch das Volant. 1980 handelte es sich noch um das dünne Zweispeichen-Bakelit-Lenkrad. Erst später hielten dickere, lederbezogene Varianten Einzug. Einen Drehzahlmesser sucht man im Corniche übrigens vergebens. Rolls-Royce verbaute stattdessen traditionell eine Anzeige für den Batterieladezustand oder Tank/Kühlwasser. Drehzahl galt als etwas vulgär. Das Gestühl, elektrisch verstellbar und jeweils mit ausklappbarer Armlehne, ist üppig gepolstert und bietet keinerlei Seitenhalt. Zudem ist die Sitzposition in diesem Auto überaus merkwürdig. Wer es gut mit dem Corniche meint, erzählt, dass man mehr auf im thront, als in ihm sitzt. Wanken und Gleiten Man könnte in diesem Zusammenhang auch den guten Panoramablick über die endlos lange Motorhaube lobend erwähnen, den man dank der extrem hohen und aufrechten Fahrposition genießt. Oder man sagt einfach die Wahrheit. Nämlich, dass man sich auch wegen des Bus-ähnlich angebrachten Lenkrads sauber verbiegen muss, um diesen Wagen halbwegs kontrolliert zu steuern. Apropos: Die extrem servounterstützte Lenkung macht es einem im Stand überaus leicht, beim Fahren bemerkt man aber recht flott die völlige Gefühllosigkeit des Systems. Man zielt eher, als dass man wirklich lenkt. Technische Daten Rolls-Royce Corniche Convertible (1980) Motor V8, 90 °; 6.750 ccm Getriebe 3-Gang-Automatik Leistung/max. Drehmoment ca. 200 PS/440 Nm 0-100 km/h ca. 11 Sekunden Höchstgeschwindigkeit 190 km/h Gewicht ca. 2.300 kg Reifen 235/70 R15 Verbrauch Normverbrauch: 18-22 Liter Preis ca. 330.000 D-Mark Es hat etwas sehr befreiendes, ein Fahrzeug zu steuern, dass sich nicht im Ansatz für Fahrdynamik interessiert. Das Fahrwerk mit Einzelradaufhängung rundum, Schraubenfedern an Vorder- und Hinterachse sowie einer automatischen Niveauregulierung (von Rolls-Royce unter Verzicht auf die pneumatischen Dämpfer unter Citroën-Lizenz hergestellt) lädt zum Cruisen ein, wie man noch nie zuvor gecruist ist. Der berühmte und viel zitierte "Magic Carpet Ride" ist bei diesem Auto absolut nicht wegzudiskutieren. Gepaart mit einer selten bis nie gesehenen Wankneigung in der Kurve ergibt sich ein Fahrverhalten, dass an etwas sehr sehr Großes erinnert, das gerade bei Sturm schwimmt. Vielleicht nennen wir es doch eher "lässig auf der eigens erzeugten Welle surfen", denn trotz teils horrender Aufbaubewegungen zieht er sich letztlich doch noch ganz passabel aus der Affäre, selbst wenn man etwas mehr Druck aufs Gaspedal ausübt, als man das in diesem Auto der Dignität halber tun sollte. Aber er behält sie, die Würde, und mit all der Feudalität und dem Charisma und der Schrulligkeit (Dinge, diesem Gefährt nur so aus allen Poren triefen) kann man nicht umhin, als die Fahrt in einem Corniche Cabrio einfach zu lieben. Wenn auch Sie jetzt Blut geleckt haben und reisen wollen wie Frank Sinatra, Gunter Sachs oder Rolf Eden, dann ist das zumindest in Sachen Anschaffungspreis weniger wild als gedacht. Die Suche auf den einschlägigen Gebrauchtwagenbörsen offenbart eine Handvoll gepflegter Exemplare mit moderaten Laufleistungen zwischen gut 50.000 und 70.000 Euro. Leider nicht inbegriffen: Horrende Kosten für Sprit, Wartung und den Aufbau des eigenen schillernden Erscheinungsbildes.