Nur wenige Monate, bevor Carlos Tavares zurücktrat, schickte der US-amerikanische Stellantis National Dealer Council (NDC) einen deutlich formulierten Brief an den damaligen CEO. Darin warfen ihm die Händler nichts Geringeres als ein "Desaster" und die "rasante Verschlechterung" der Marken Jeep, Ram, Dodge und Chrysler vor. Stellantis konterte umgehend und erklärte, mit "öffentlichen persönlichen Attacken" sei niemandem geholfen. Obwohl Tavares seit gut einem Jahr nicht mehr im Amt ist, wirkt sein Schatten bei den US-Händlern weiterhin nach. In einem Interview mit Automotive News sprach NDC-Vorsitzender Sean Hogan jetzt offen über die frühere Führung. Der Ex-CEO habe die falsche Vision für den Autokonzern verfolgt, indem er die Begeisterung genommen und zugleich die Kosten, wo immer möglich, drastisch gekürzt habe: "Tavares wollte unsere Marken in Richtung eines langweiligen Transport-Unternehmens führen. Das sind wir nicht. Und dann hat er gekürzt und gekürzt und gekürzt. Keine unserer Marken steht für reine Fortbewegung. Alles, was wir bauen, muss cool und einzigartig sein." 2025 Dodge Charger Daytona EV Unter Antonio Filosa an der Stellantis-Spitze scheint sich die Lage verbessert zu haben. Im Vergleich zu Tavares wird das neue Management-Team vom NDC dafür gelobt, besser zu verstehen, was funktioniert. Hogan verwies unter anderem auf die Rückkehr des Hemi-Motors sowie auf die Zusage des Konzerns, bis Ende des Jahrzehnts 13 Milliarden US-Dollar in den USA zu investieren. Neue Produkte stehen ebenfalls in den Startlöchern – darunter ein Dodge Durango der nächsten Generation und ein SUV mit Ram-Logo. Letzterer werde laut Hogan "kräftig auftreten und sexy aussehen". Er habe das Modell bereits hinter verschlossenen Türen gesehen und beschreibt es als Full-Size-SUV, bei dem "Ram-DNA überall" zu erkennen sei. Werden Marken wie Lancia langfristig eine Zukunft im Stellantis-Konzern haben? Allerdings dürften nicht alle Marken unter dem Stellantis-Dach dauerhaft Bestand haben. Ein aktueller Bericht von Reuters schreibt, Filosa prüfe "die langfristige Tragfähigkeit aller 14 Marken", wobei einige europäische Namen als anfälliger gelten. Insider sagten der Agentur, dass das Auslaufen bestimmter Marken nicht ausgeschlossen werde. Seit der Ära Tavares wird häufig infrage gestellt, ob es sinnvoll ist, so viele Marken parallel zu betreiben – auch wegen des Risikos, dass sich Modelle gegenseitig kannibalisieren. Der Volkswagen-Konzern zeigt zwar, dass ein solches Portfolio möglich ist, allerdings hat selbst VW weniger Marken. Filosa steht nun vor der Aufgabe, über die Zukunft angeschlagener Namen wie Chrysler in den USA und Lancia in Europa zu entscheiden. 2027 Ram 1500 SRT TRX Bloodshot Night Edition US-Händler wirken seit der FCA-PSA-Fusion 2021, aus der Stellantis hervorging, so optimistisch wie lange nicht mehr. Angesichts massiver Investitionen, von denen alle US-Werke profitieren, ist dieses Vertrauen nachvollziehbar. Der Standort Belvidere wird wieder hochgefahren und soll ab 2027 den Jeep Compass und Cherokee bauen. Außerdem rechnen die Händler mit einer Welle neuer Modelle. Der TRX ist bereits zurück, ein neuer Dakota als mittelgroßer Pick-up wird für nächstes Jahr erwartet, und Rams erstes SUV soll 2028 kommen – möglicherweise zusammen mit dem komplett neuen Durango, dessen Marktstart für 2029 im Raum steht. Auch wenn Stellantis in den USA ein durchwachsenes Jahr hatte und die Verkäufe um 3 Prozent auf 1.260.344 Einheiten sanken, sind die Händler überzeugt, dass sich Filosás Maßnahmen auszahlen werden. Die strategische Linie wirkt spürbar klarer – vor allem in den USA, wo das neue Management seine Kundschaft offenbar deutlich besser versteht als die vorherige Führung.