Stellantis zieht die Reißleine. Der Mehrmarkenkonzern setzt sein Geschäft grundlegend neu auf – und räumt dabei offen ein, sich in den vergangenen Jahren deutlich vom Markt entfernt zu haben. Das Ergebnis dieser Kurskorrektur ist teuer: Rund 22,2 Milliarden Euro an Belastungen fallen allein für die zweite Jahreshälfte 2025 an, davon etwa 6,5 Milliarden Euro als tatsächliche Cash-Abflüsse in den kommenden vier Jahren. Es ist der Preis für zu optimistische Annahmen, operative Defizite und eine Strategie, die schneller elektrifizieren wollte, als es viele Kunden mitgehen konnten oder wollten. Strategie und Modellplanung auf dem Prüfstand Hintergrund ist eine umfassende Überprüfung von Strategie, Modellplanung und Kostenstruktur. Stellantis will sich nach eigener Darstellung wieder stärker an den realen Bedürfnissen der Käufer orientieren. Der global agierende Konzern bleibt zwar ein zentraler Akteur bei Elektrofahrzeugen, koppelt das Tempo der Transformation aber künftig stärker an die Nachfrage. Der frühere Stellantis-Chef Carlos Tavares setzte auf einen radikalen Fahrplan in Sachen E, so sollte etwa Opel ab 2028 rein elektrisch sein. Doch nicht nur bei dieser Marke hat man solche Zielmarken gestrichen. Hybridmodelle und weiterentwickelte Verbrenner sollen wieder eine tragende Rolle spielen – ausdrücklich auch dort, wo Reichweite, Preis oder Nutzungsmuster gegen ein reines BEV sprechen. CEO Antonio Filosa spricht ungewöhnlich klar von einer Fehleinschätzung des Marktes. Man habe die Geschwindigkeit der Energiewende überschätzt und sich damit von vielen Kunden entfremdet. Hinzu kamen Schwächen in der Umsetzung, die Qualität und Kosten belasteten. Beides soll nun korrigiert werden. Teurer Schwenk Dass dieser Neustart schmerzhaft ist, zeigen die Zahlen: 14,7 Milliarden Euro entfallen auf die Neuausrichtung der Produktplanung, vor allem wegen deutlich reduzierter Erwartungen an Elektrofahrzeuge in den USA. Darin enthalten sind Abschreibungen auf gestrichene Modelle und Plattformen sowie milliardenschwere Zahlungsverpflichtungen für Projekte, deren Volumen nun weit unter den ursprünglichen Annahmen liegt. Weitere 2,1 Milliarden Euro betreffen die Verkleinerung der EV-Lieferkette, insbesondere bei Batteriekapazitäten. Hinzu kommen 5,4 Milliarden Euro für operative Anpassungen, darunter höhere Rückstellungen für Garantien und Restrukturierungen in Europa. Konkret bedeutet der Strategiewechsel auch: Nicht jedes angekündigte Elektroprojekt wird Realität. Der geplante Ram 1500 BEV wird gestrichen, weil sich damit kein profitables Volumen darstellen lässt und sich regulatorische Rahmenbedingungen verändert haben. Bildergalerie: Ram 1500 (2025) mit 5.7-liter HEMI V-8 eTorque Gleichzeitig kehrt Stellantis bewusst zu Modellen und Antrieben zurück, die Nachfrage versprechen. Der HEMI-V8 feiert im Ram 1500 ein Comeback, Jeep Cherokee und Compass wurden neu aufgelegt, Dodge bringt den Charger SIXPACK, Fiat setzt auf Grande Panda und 500 Hybrid, Citroën erneuerte C3 und C5 Aircross. Parallel investiert der Konzern massiv in den Heimatmarkt USA: 13 Milliarden Dollar in vier Jahren, neue Modelle, höhere Kapazitätsauslastung und mehr als 5.000 zusätzliche Arbeitsplätze. Weltweit wurden 2025 über 2.000 Ingenieure eingestellt, vor allem zur Stabilisierung von Qualität und Produktion. Die Organisation wurde regionalisiert, Entscheidungsbefugnisse zurückverlagert, die Lieferkette verschlankt. Zuwachs in den USA, aber angespannte Finanzen Erste Effekte sind messbar. In der zweiten Jahreshälfte 2025 stiegen die Auslieferungen konzernweit um elf Prozent auf 2,8 Millionen Fahrzeuge, in Nordamerika sogar um 39 Prozent. Die US-Marktanteile legten zu, in Europa behauptet Stellantis Rang zwei und bleibt stark bei Hybriden und Nutzfahrzeugen. Auch die Qualität zeigt Fortschritte: Die Zahl der Mängel im ersten Nutzungsmonat sank deutlich. Finanziell bleibt die Lage angespannt. Für das Gesamtjahr 2025 steht ein Nettoverlust von bis zu 21 Milliarden Euro, die Dividende für 2026 wird gestrichen. Zur Stabilisierung der Bilanz genehmigte der Aufsichtsrat Hybridanleihen bis zu fünf Milliarden Euro. Immerhin: Die Liquidität liegt mit rund 46 Milliarden Euro auf hohem Niveau. Für 2026 stellt Stellantis eine schrittweise Verbesserung bei Umsatz, Marge und Cashflow in Aussicht. Es ist ein vorsichtiger Ausblick – und ein Eingeständnis, dass Wachstum künftig weniger aus Visionen, sondern stärker aus Marktnähe entstehen soll.