Gamma ist der dritte Buchstabe des griechischen Alphabets – und genau diese Bezeichnung wählt Lancia für sein neues Flaggschiff, das im März 1976 auf dem Genfer Autosalon debütiert. Mit dem Modell kehrt die Marke in das Segment der Oberklasse zurück, das seit dem Produktionsende der Flaminia 1969 unbesetzt ist. Die Entwicklung des Gamma erfolgt in einer Phase struktureller Veränderungen. Nach der Integration in den Fiat-Konzern ab 1969 modernisiert Lancia seine Modellpalette grundlegend. Auf den 1972 vorgestellten Beta folgt mit dem Gamma das neue Topmodell. Ziel ist es, technische Eigenständigkeit und gehobenen Anspruch zu verbinden. Bildergalerie: Lancia Gamma (1976-1984) Als letztes Lancia-Modell, das nahezu keine Bauteile aus dem Fiat-Regal nutzt, nimmt der Gamma eine Sonderstellung ein. Die Verbreitung dieser eigenwilligen Konstruktion bleibt jedoch gering: Vor allem die frühen Versionen mit Vergaser leiden unter technischen Mängeln, was der Baureihe schon früh den Ruf mangelnder Zuverlässigkeit einbringt. Bereits zur Premiere zeigt Lancia zwei Varianten, die beide in Zusammenarbeit mit Pininfarina entstehen: eine fünftürige Schrägheck-Limousine sowie ein zweitüriges Coupé. Das Design des Coupés verantwortet Aldo Brovarone. Während die Limousine sofort verfügbar ist, kommt das Coupé erst rund ein Jahr nach der Vorstellung in den Handel. Technisch setzt Lancia auf eine Neuentwicklung. Im Zentrum steht ein Vierzylinder-Boxermotor mit 2,5 Liter Hubraum und 140 PS. Das Aggregat nutzt umfangreich Aluminium und zählt zu den leichten Vertretern seiner Klasse. Ergänzend entsteht eine 2,0-Liter-Version mit 120 PS, um steuerliche Nachteile für größere Motoren in Italien zu vermeiden. Lancia Gamma Limousine Die Limousine hebt sich gestalterisch deutlich vom Wettbewerb ab. Statt klassischem Stufenheck kombiniert sie eine flache Linienführung mit großer Heckklappe. Das Schrägheck erinnert an zeitgenössische Konkurrenten aus Frankreich wie den Citroën CX oder den Renault 20/30. Im Fall des CX hat das durchaus seine Gründe. Italienisch-französische Probleme Die ursprüngliche Konzeption sieht vor, den neuen großen Lancia gemeinsam mit Citroën zu entwickeln. Grundlage hierfür ist ein Kooperationsabkommen, das Lancias Mutterkonzern Fiat bereits 1968 mit dem französischen Hersteller schließt, um technische Komponenten gemeinsam zu entwerfen. Zunächst entwickeln Lancia und Citroën zahlreiche Bauteile, die sowohl im Gamma als auch im CX – dem Nachfolger der DS – zum Einsatz kommen sollen. Dazu zählen die hydropneumatische Hinterradfederung sowie austauschbare Teile der Bodengruppe; erste Gamma-Prototypen verfügen sogar über das Citroën-System. Lancia Gamma (1976-1984) Citroën CX (1975) Nachdem die Kooperation 1972 auf Intervention der französischen Regierung endet, muss die Entwicklungsabteilung unter Sergio Camuffo weite Teile des Projekts neu planen. Die Citroën-Technik wird durch Eigenkonstruktionen ersetzt, wobei Lancia oft auf Komponenten des neuen Mittelklasse-Modells Beta zurückgreift. Dieser Umbruch verzögert die Entwicklung um fast zwei Jahre. Das grundlegende Layout ändern die Techniker jedoch nicht mehr: Der Gamma bleibt eine viertürige Fließhecklimousine mit langem vorderem Überhang und drei Seitenscheiben, was seine deutliche konzeptionelle Nähe zum Citroën CX erklärt. Der Luftwiderstandsbeiwert von 0,37 zeigt den Fokus auf Aerodynamik. Große Fensterflächen verbessern die Lichtverhältnisse im Innenraum. Das Interieur folgt klassischen Lancia-Tugenden mit hohem Komfortniveau, einzeln ausgeformten Rücksitzen und umfangreicher Ausstattung. Der schickere Gamma Parallel positioniert sich das Gamma Coupé als Gran Turismo. Es basiert auf einer verkürzten Plattform und setzt auf klare Proportionen mit langer Motorhaube und flachem Aufbau. Charakteristisch sind die ähnlich geneigten Front- und Heckscheiben sowie die präzise Linienführung. Im Innenraum entsteht ein bewusst wohnlich gestaltetes Ambiente, das zeitgenössisch als "Reiselounge" beschrieben wird. Verantwortlich für die Gestaltung ist Piero Stroppa. Lancia Gamma Coupé Ende der 1970er-Jahre überarbeitet Lancia die Baureihe technisch. Maßnahmen dienen vor allem der Verbesserung der Zuverlässigkeit. Mit der zweiten Serie ab 1980 folgen umfassendere Änderungen. Dazu zählen die Einführung der Bosch L-Jetronic-Einspritzung beim 2,5-Liter-Motor, Anpassungen an Frontpartie und Kühlergrill sowie ein überarbeitetes Interieur mit neuen Materialien und Details wie Digitaluhr und modifiziertem Armaturenträger. Das Coupé erhält zusätzlich eine Automatikoption. Parallel entstehen auf Basis des Gamma mehrere Studien. Pininfarina entwickelt unter anderem Varianten wie den Scala oder experimentelle Karosserieformen. Italdesign präsentiert 1978 mit dem Megagamma einen Van-ähnlichen Entwurf mit erhöhtem Aufbau und großzügigem Innenraum. Eine weitere Studie ist der Gamma 3V von Giorgetto Giugiaro, der heute im "Heritage Hub" in Turin erhalten ist. 1984 endet die Produktion nach rund 22.000 Einheiten. Nachfolger wird der Lancia Thema, der die Rolle im Oberklasse-Segment übernimmt. Er ist ein Gemeinschaftsprojekt mit Fiat, Saab und Alfa Romeo. Der Name Gamma soll 2027 zurückkehren, dann am Heck eines großen SUVs mit Elektroantrieb und Verbrenner.