Vergessen Sie die gläsernen Parktürme und die Neuwagenabholung für einen Moment. In der Autostadt Wolfsburg parken ein paar Exponate, die alles andere in den Schatten stellen. Gewaltige 1.200 PS treffen auf Geniestreiche, die mit weniger als einem Liter Kraftstoff auskommen. Jedes dieser Fahrzeuge hat eine Geschichte zu erzählen, die weit über den bloßen Asphalt hinausgeht. Und es geht beileibe nicht nur um Volkswagen ... Wer durch das ZeitHaus oder die verschiedenen Pavillons schlendert, begegnet der gesamten Bandbreite der Automobilgeschichte. Die Auswahl der Rekordhalter ist dabei so gewaltig wie bei kaum einer anderen Sammlung weltweit. Wir haben uns die Stars der Ausstellung genauer angesehen und zeigen, warum ein glitzernder Käfer heute genauso viel Ehrfurcht verdient wie ein Bugatti mit weit über 400 Kilometern pro Stunde. Begleiten Sie uns in eine Welt voller technischer Superlative mitten in Niedersachsen. Bugatti Veyron 16.4 Super Sport WRC Der unangefochtene König der Tachonadel ist der Bugatti Veyron 16.4 Super Sport. Am 4. Juli 2010 brannte dieser Bolide auf dem Prüfgelände in Ehra-Lessien einen Weltrekord in den Asphalt, der lange Zeit als unerreichbar galt. Mit einer gemittelten Höchstgeschwindigkeit von 431,072 km/h sicherte er sich den Titel als schnellstes Serienfahrzeug der Welt. Dieses Tempo erfordert eine aerodynamische Perfektion, die bei diesem Prototypen der Nullserie bis ins kleinste Detail im Windkanal für die Serie erprobt wurde. Bildergalerie: Bugatti Veyron Supersport (2010) Die technischen Daten lesen sich auch heute noch wie Science Fiction. Ein W16-Motor mit acht Litern Hubraum produziert gewaltige 1.200 PS und ein Drehmoment von 1.500 Newtonmeter. Um die enorme Hitzeentwicklung bei Volllast zu bändigen, erhielt diese Version neue Kühlerlüfter und optimierte Luftführungen am Heck. Optisch unterscheidet sich das Rekordfahrzeug zudem durch seinen markanten Ducktail-Heckflügel von der Standardversion. Es ist ein technisches Monument für das zum damaligen Zeitpunkt absolut Machbare. Volkswagen W12 Nardo (2002) Bevor Bugatti die Weltbühne betrat, zeigte Volkswagen mit dem W12 Nardo, wozu die Ingenieure in Wolfsburg fähig sind. Im Februar 2002 stellte die flache Flunder auf dem Hochgeschwindigkeitsrundkurs in Süditalien insgesamt sechs Weltrekorde auf. Das Ziel war klar definiert: Die Zuverlässigkeit des neuen W12-Motorkonzepts sollte unter extremen Bedingungen bewiesen werden. Besonders beeindruckend bleibt der 24-Stunden-Weltrekord, bei dem der Wagen eine Durchschnittsgeschwindigkeit von über 322 km/h erreichte. Bildergalerie: VW Nardo 2002 Das Herzstück ist ein Zwölfzylinder, der aus zwei schmalen V6-Modulen zusammengesetzt wurde. Mit 600 PS und einem sequentiellen Sechsganggetriebe katapultierte das Triebwerk den Sportwagen auf über 350 km/h. Das Design entstand in Kooperation mit der Legende Giorgetto Giugiaro und wirkt bis heute zeitlos modern. Trotz der enormen Fahrleistungen war der Nardo bereits mit Sicherheitssystemen wie ESP und einer großen Brembo-Bremsanlage ausgestattet. Er legte den Grundstein für spätere Luxusmodelle des gesamten Konzerns. Volkswagen XL1 Am anderen Ende des Spektrums steht der VW XL1, der den Rekord für maximale Effizienz hält. Hier ging es nicht um Pferdestärken, sondern um den absoluten Verzicht beim Verbrauch. Mit einem Durchschnittswert von nur 0,9 Litern auf 100 Kilometern ist er das sparsamste Serienauto der Welt. Die Form erinnert an eine Zigarre und bietet mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,186 kaum Angriffsfläche für den Wind. Dank einer Karosserie aus Kohlenstofffaser wiegt der spektakuläre Zweisitzer lediglich 795 Kilogramm. Bildergalerie: VW XL1 Der Antrieb erfolgt über ein Plug In Hybridsystem, das aus einem winzigen Zweizylinder-Diesel und einem Elektromotor besteht. Um den Luftwiderstand weiter zu senken, verzichteten die Entwickler auf klassische Außenspiegel und ersetzten sie durch Kameras im Innenraum. Die Hinterräder verschwinden unter einer Verkleidung und die Türen schwingen als prägnante Flügeltüren nach oben. Dieses Auto ist ein rollendes Labor, das zeigt, wie weit man das Thema Aerodynamik und Leichtbau im modernen Serienbau treiben kann. Volkswagen Lupo 3L TDI Schon vor dem XL1 setzte der Lupo 3L TDI neue Maßstäbe für das ökologische Gewissen. Das in der Autostadt ausgestellte Modell hat eine ganz besondere Reise hinter sich. In nur 80 Tagen umrundete der Wagen fünf Kontinente und legte dabei 33.333 Kilometer zurück. Dieser Rekord steht sogar im Guinness- Buch der Rekorde. Während dieser gewaltigen Distanz verbrauchte der Volkswagen im Durchschnitt lediglich 2,38 Liter Diesel pro 100 Kilometer. Das bewies eindrucksvoll die enorme Alltagstauglichkeit dieser Spartechnik. Bildergalerie: VW Lupo 3L 80 Tage Um die magische Grenze von drei Litern im Serienbetrieb zu unterbieten, wurde massiver Aufwand betrieben. Die Motorhaube, die Türen und sogar die Sitzgestelle bestehen aus Aluminium oder Magnesium. Ein automatisierte Schaltgetriebe wählt stets den effizientesten Gang und segelt bei Gaswegnahme im Leerlauf. Der Lupo 3L war damit der Vorreiter einer ganzen Generation von High Tech Dieselautos. Er zeigte schon um die Jahrtausendwende, dass sparsames Fahren nicht zwangsläufig den Verzicht auf vier vollwertige Sitzplätze bedeutet. Der einmillionste Volkswagen (Goldener Käfer) Ein glänzender Rekord ganz anderer Art steht im ZeitHaus der Autostadt. Am 5. August 1955 feierte Volkswagen ein Jubiläum, das damals fast unvorstellbar war. Es ging um den Bau des einmillionsten Volkswagens nach dem Krieg. Das Jubiläumsmodell ist ein Käfer, der passend zum Anlass eine exklusive Lackierung in Gold erhielt. Es dauerte nur zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, um diesen Meilenstein zu erreichen. Dieses Auto ist daher weit mehr als ein Fahrzeug, es ist ein glitzerndes Symbol für das deutsche Wirtschaftswunder. Bildergalerie: VW Käfer 1.000.000 Bei der Ausstattung wurde nicht gespart. Die Stoßstangen und Lampenringe sind mit unzähligen feingeschliffenen Glasperlen besetzt, die im Scheinwerferlicht funkeln. Im Innenraum nehmen die Passagiere auf edlen Polstern aus rotem Brokat Platz, während alle Dichtungen aus weißem Naturkautschuk gefertigt wurden. Technisch blieb der Käfer mit seinem 30 PS starken Boxermotor bodenständig und solide. Er repräsentiert den Moment, in dem aus einer kleinen Fabrik in Wolfsburg ein echter Weltkonzern mit gewaltigen Millionenauflagen wurde. Austin Mini (Der einmillionste Mini) In der Sammlung finden sich nicht nur Autos aus dem Volkswagen-Konzern. Sondern auch ein britischer Meilenstein, der die Welt der Kompaktwagen für immer veränderte. Im Jahr 1965 lief der einmillionste Austin Mini vom Band und markierte damit den riesigen Erfolg eines radikal neuen Konzepts. Sir Alec Issigonis hatte das Auto so entworfen, dass trotz einer Länge von nur drei Metern erstaunlich viel Platz im Inneren blieb. Der Trick war der quer eingebaute Vierzylindermotor, der direkt über den Vorderrädern saß. Diese Bauweise ist heute der globale Standard für fast alle Kleinwagen. Bildergalerie: Austin Mini 1.000.000 Der ausgestellte Jubiläums-Mini erinnert an eine Zeit, in der das Auto als freches und cleveres Stadtauto absoluten Kultstatus erreichte. Mit 34 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h war er zwar kein Rennwagen, bot aber durch seine Einzelradaufhängung ein Fahrverhalten wie ein Go Kart. Neben dem wirtschaftlichen Erfolg wurde der Mini auch zur sportlichen Legende, da er mehrfach die berühmte Rallye Monte Carlo gewann. Er steht in der Autostadt als Symbol für eine geniale Konstruktion, die mit wenig Raum maximale Wirkung erzielte. Volkswagen Golf III CL (Der 60-millionste VW) Ein unscheinbarer, silberner Golf III aus dem Jahr 1993 steht stellvertretend für eine schier unglaubliche Zahl in der Geschichte der Mobilität. Am 9. Dezember jenes Jahres lief er als der 60-millionste Volkswagen seit Bestehen der Marke vom Band. Zu diesem Zeitpunkt war der Golf bereits seit einer Dekade der unangefochtene Tabellenführer in den europäischen Zulassungsstatistiken. Er festigte den Ruf von Wolfsburg als Zentrum der weltweiten Automobilproduktion und ist ein Beleg für die enorme Marktdurchdringung dieses speziellen Modells. Bildergalerie: VW Golf CL 60.000.000 (1993) Technisch gesehen ist dieses Exemplar ein klassischer Golf III CL mit einem 1,6-Liter-Motor und soliden 75 PS. Er repräsentiert die dritte Generation des Bestsellers, die besonders in Sachen Sicherheit durch Airbags und verbesserte Crashstrukturen punktete. Während der Käfer die Million knackte, war es der Golf, der diese Erfolgsgeschichte in völlig neue Dimensionen katapultierte. Er zeigt, dass ein Rekord nicht immer mit Höchstgeschwindigkeit zu tun haben muss, sondern auch durch Beständigkeit und das Vertrauen von Millionen Käufern entstehen kann. Honda S 800 Ein besonderer Exot in der Wolfsburger Rekord-Riege ist der Honda S 800 aus dem Jahr 1970. Er hält zwar keinen Produktionsrekord für Volkswagen, markiert aber einen historischen Wendepunkt für den gesamten deutschen Markt. Er war 1967 das erste japanische Automobil, das offiziell nach Deutschland exportiert wurde. Damit fungierte der kleine Sportwagen als Vorhut für die spätere japanische Exportoffensive in Europa. Für die hiesigen Hersteller war dieser Wagen damals ein echtes Warnsignal in Sachen Technik und Drehzahlfestigkeit. Bildergalerie: Honda S800, Erstes japanisches Auto Der Motor des S 800 ist ein wahres technisches Meisterwerk seiner Zeit. Der wassergekühlte Vierzylinder leistet 67 PS aus weniger als 800 Kubikzentimetern Hubraum, was einer enormen Literleistung entspricht. Das Triebwerk lässt sich bis auf 9.000 Touren drehen, ein Wert, der damals eigentlich nur reinrassigen Rennwagen vorbehalten war. Sogar Porsche orderte Exemplare dieser Baureihe, um die hochmoderne Motorentechnik aus Fernost genau zu analysieren. In der Autostadt repräsentiert dieser kleine Roadster den Mut zum technischen Fortschritt. Diese Auswahl zeigt eindrucksvoll, wie vielfältig die Welt der automobilen Rekorde ist. Ob Sie nun ein Fan von roher Gewalt wie beim Bugatti sind oder die kühle Ingenieurskunst des XL1 bewundern, in Wolfsburg kommt jeder auf seine Kosten. Die Autostadt bietet die seltene Gelegenheit, diese Legenden aus nächster Nähe zu betrachten und ihre Geschichte förmlich einzuatmen. Ein Besuch lohnt sich also nicht nur für Techniknerds, sondern für jeden Fan echter Zeitgeschichte. Schauen Sie doch mal im ZeitHaus vorbei und entdecken Sie dort Ihren Favoriten.