Ich bin gerade von meinem ersten Besuch auf einer Automesse in Nordamerika zurückgekehrt, der Detroit Auto Show 2026. Nachdem ich jahrelang erlebt habe, wie solche Veranstaltungen in Europa, Asien und Südamerika aussehen, hielt ich es für eine gute Idee, mir die wohl ikonischste Automesse der USA anzusehen. Oder das, was einmal zu den wichtigsten Branchenevents weltweit gehörte. Was für eine Enttäuschung. Detroit, mit dem Beinamen „The Only Motor City“, ist für die US-Autoindustrie das, was Turin für Italien ist, Wolfsburg für Deutschland oder Göteborg für Schweden. Hier sitzen die Big Three – General Motors, Ford und Chrysler (heute Stellantis) – im Kontrast zur wachsenden Bedeutung Kaliforniens und seiner „Start-ups“: Tesla (bis 2021), Lucid und Rivian. Diese Stadt ist ein Spiegel dessen, was die amerikanische Autoindustrie in den vergangenen Jahren durchgemacht hat. Und so sieht es heute aus. Ein Blick auf die Zahlen Ende der 1990er Jahre lag der Marktanteil der Big Three aus Detroit bei 64 bis 67 Prozent. Dieser Anteil sank 2007 – ein Jahr vor der Finanzkrise – auf 51 Prozent. Dann kam die Krise, und die Branche hat sich davon nie wirklich vollständig erholt. In den ersten neun Monaten 2025 lag der gemeinsame Anteil der Big Three nur noch bei 38 Prozent: Toyota lag vor Ford, und Hyundai-Kia sowie Honda verkauften mehr als Chrysler. Die Messe in diesem Jahr hätte die schwierige Lage der US-Autoindustrie kaum deutlicher zeigen können. Was einst zu den größten und wichtigsten Autosalons weltweit zählte, wirkte heute eher wie eine regionale Verbrauchermesse. Mit nur einer Halle war die Veranstaltung vom Umfang her vergleichbar mit der Automesse in São-Paulo im November 2025. Dabei ist der US-Automarkt siebenmal so groß wie der brasilianische. Bildergalerie: Detroit Auto Show 2026 Noch schockierender: es wurde kein einziges neues Auto vorgestellt. Tatsächlich waren nicht einmal Pressekonferenzen vorgesehen. Welchen Sinn hat ein Autosalon ohne Neuheiten? Alles in allem waren lediglich zwölf Marken vertreten, verteilt auf sechs unterschiedliche Konzerne. Hersteller wie Audi, Honda, Hyundai, Mercedes oder Volkswagen waren tatsächlich nur über ihre jeweiligen Händler vertreten. Fehlende Wettbewerbsfähigkeit Die schwierige Lage der amerikanischen Autoindustrie ist das Ergebnis von Jahrzehnten des Missmanagements, mangelnder Ausrichtung an globalen Trends und wenig wettbewerbsfähigen Produkten. Auch wenn die Branche in den Jahren der Finanzkrise aus Fehlern gelernt hat, entschieden sich die Big Three, statt globale Veränderungen anzunehmen, ihre Aktivitäten fast ausschließlich auf den Heimatmarkt zu konzentrieren. GM zog sich aus Europa und Indien zurück, Ford verabschiedete sich aus Indien und Brasilien und hat Mühe, sein Europageschäft zu stabilisieren. Chrysler hatte weder in China noch in Indien jemals wirklich Erfolg. Auf der anderen Seite hat sich Tesla als echter Störfaktor etabliert und schnell auch im Ausland an Popularität gewonnen. Das Unternehmen baute Autos, die für globale Märkte gedacht waren – anders als die Wettbewerber aus Detroit, die ihre Abhängigkeit von großen Pick-ups und SUVs weiter erhöhten. Fahrzeugen also, die außerhalb der USA und Kanadas deutlich weniger gefragt sind. 2024 machten die Pick-up- und SUV-Verkäufe in den USA und Kanada bei GM und Ford jeweils 58 beziehungsweise 50 Prozent der weltweiten Verkäufe aus. Eine derart hohe Konzentration ist nicht nur riskant, sondern toxisch: Sie führt zu einer Abhängigkeit von Produkten, die kein echtes globales Potenzial haben. Vorerst sind diese Hersteller vor chinesischer Konkurrenz geschützt. Das von der Trump-Regierung verhängte Verbot verschafft ihnen etwas Zeit, um aufzuholen. Werden sie diese Chance nutzen – oder am Ende verspielen? Der Autor des Artikels, Felipe Munoz, ist Branchenanalyst der Automobilindustrie und Content Creator von Car Industry Analysis in sozialen Medien. Bildergalerie: Detroit Auto Show 2026