Wer an Lamborghini denkt, hat meist das Brüllen eines Zwölfzylinders im Ohr und eine keilförmige Silhouette vor Augen. Doch es gibt eine Steigerung dieser Faszination, die in Sant’Agata Bolognese eine lange Tradition pflegt: Das Ganze auch noch in offen. Wenn der V12 direkt hinter dem Nacken der Passagiere arbeitet und nur der Himmel als Begrenzung dient, wird die Technik greifbar und die akustische Anziheungskraft noch gewaltiger. Besonders die sogenannten "Few-Off"-Modelle, jene streng limitierten Kleinserien, dienen der Marke seit Jahrzehnten dazu, technologische Grenzen auszuloten und Design-Visionen auf die Straße zu bringen, bevor sie in die Großserie einfließen. Der Ursprung: Ein Einzelstück namens Miura Die Wurzeln dieser offenen Tradition reichen weiter zurück, als viele vermuten. Bereits 1968 wagte Lamborghini mit dem Miura Roadster ein Experiment. Das von Bertone entworfene Einzelstück sollte zeigen, wie radikal ein offener Supersportwagen mit Mittelmotor wirken kann. Während der reguläre Miura zwischen 1966 und 1973 Sportwagenwelt revolutionierte, blieb der Roadster ein Solitär, der jedoch den Grundstein für alles Kommende legte. Er bewies, dass die Kombination aus Ästhetik und kompromissloser Leistung ohne festes Dach funktioniert. Bildergalerie: Lamborghini Reventón Roadster (2009) Es dauerte bis ins neue Jahrtausend, bis Lamborghini dieses Konzept der Kleinstserien-Roadster systematisierte. Den Anfang machte 2009 der Reventón Roadster. Inspiriert von der Formensprache moderner Kampfjets, wurden von der offenen Variante lediglich 15 Exemplare gebaut – fünf weniger als vom Coupé. Unter der kantigen Carbon-Haut arbeitete der 6,5-Liter-V12 aus dem Murciélago LP640, hier jedoch mit 650 PS. Er war zudem der erste Lamborghini, der die heute obligatorischen digitalen Instrumente mit LCD-Displays einführte. Die Ära der limitierten Kleinserien ab 2014 Bildergalerie: Lamborghini Veneno Roadster (2014) Zum 50-jährigen Markenjubiläum im Jahr 2014 legte Lamborghini die Messlatte nochmals höher. Der Veneno Roadster erschien in einer Auflage von nur neun Fahrzeugen. Mit einem radikalen Aerodynamik-Konzept, das eher an einen Le-Mans-Prototypen als an ein Straßenauto erinnerte und einer Leistung von 750 PS. Hier kam erstmals großflächig das patentierte "Carbon-Skin" im Interieur zum Einsatz – ein Material, das man heute in ähnlicher Form auch in den Serienmodellen findet. Bildergalerie: Lamborghini Centenario Roadster (2016) Nur zwei Jahre später, 2016, folgte der Centenario Roadster zum 100. Geburtstag des Firmengründers Ferruccio Lamborghini. Mit 20 gebauten Einheiten war er zwar etwas weniger selten als der Veneno, führte aber entscheidende Technologien wie die Hinterradlenkung ein, die kurz darauf im Aventador S Einzug hielt. Mit 770 PS markierte er damals die Spitze der Leistungsfähigkeit des frei saugenden V12. Bildergalerie: Lamborghini SC20 (2020) Kein sogenannter "Few-Off", sondern ein echtes Einzelstück ist der SC20 von 2020. Das Auto hat tatsächlich Straßenzulassung und wurde von der Motorsportabteilung Squadra Corse im Kundenauftrag entwickelt. Der offene V12-Speedster leistet 770 PS aus 6,5 Litern Hubraum, inspiriert von Modellen wie dem Diablo VT Roadster und Aventador J. Er bietet radikale Aerodynamik, eine Carbonkarosserie und ein 7-Gang-ISR-Getriebe. Bildergalerie: Lamborghini Sián Roadster (2020) Den vorläufigen Schlusspunkt dieser exklusiven Ahnenreihe setzte ebenfalls 2020 der Sián Roadster. Mit lediglich 19 Exemplaren läutete er die Elektrifizierung der Marke ein. Sein V12-Saugmotor wurde erstmals mit einem 48-Volt-Elektromotor kombiniert, der jedoch nicht auf klassische Batterien, sondern auf Superkondensatoren setzte. Mit einer Systemleistung von 819 PS ist er der bisher stärkste offene "Few-Off" der Markengeschichte und zeigt, dass die Tradition des offenen V12 auch im Zeitalter der Hybridisierung ihren Platz bei Lamborghini hat.