Elektroautos und Rennstrecke: das passt zusammen wie Currywurst und Champagner. Könnte man meinen. Hyundai sieht das offenbar anders und lädt zum Trackday mit dem Ioniq 6 N auf den Kini Motor Park in Castellolí bei Barcelona. 650 PS, 770 Nm, 2,3 Tonnen Kampfgewicht und eine Karosserie, die aussieht, als hätte ein Tuner zu viel Kaffee getrunken. Willkommen in der wunderbar absurden Welt der N-Division. Optik: Zweischneidiges Schwert mit Heckflügel Schon der normale Ioniq 6 polarisiert mit seiner organischen, fast schon tropfenförmigen Silhouette. In der N-Version wird aus der eleganten Limousine ein extrovertierter Straßenrowdy. Schwarze Applikationen, wo man hinschaut. Ein komplett schwarz lackiertes Heck. Rote Zierstreifen, die nostalgisch an die wilden Neunziger erinnern. Und dann dieser Schwanenhals-Heckflügel, der frei über dem Kofferraum thront und aussieht, als hätte ihn jemand vom GT3-Rennwagen abmontiert und hier festgeschraubt. Dass so etwas heute überhaupt noch zugelassen wird, grenzt an ein kleines Wunder. Dazu kommen 20-Zoll-Schmiedefelgen im Aero-Design und verbreiterte Kotflügel. Wer den Ioniq 6 liebt, wird die N-Version vergöttern. Wer ihn nicht mag, wird hier endgültig abwinken. Dazwischen gibt es wenig Kompromisse. Genau so, wie Hyundai N es haben will. Die Koreaner ziehen ihr Ding durch, mit einer Konsequenz, die man bewundern muss. 650 PS: Mehr als genug für alles Auf dem Papier klingen 448 kW Dauerleistung respektabel. Mit N-Grin-Boost werden daraus 478 kW, also 650 PS. Zehn Sekunden lang darf man diesen Wahnsinn abrufen, dann braucht das System zehn Sekunden Pause. Klingt nach Formel E, ist aber Alltag im Ioniq 6 N. Das Drehmoment steigt dabei von ohnehin schon massiven 740 auf 770 Nm. Zwei Permanentmagnet-Synchronmotoren sorgen für Allradantrieb. Die 84-kWh-Batterie lädt an der Schnellladesäule in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent. WLTP-Reichweite: 487 Kilometer. Aber nicht auf der Rennstrecke. Hier geht es in derselben Zeit von 80 auf 10 Prozent. Aber genau darum geht es hier ja. Nicht um Vernunft, nicht um Effizienz, sondern um puren, unverfälschten Fahrspaß. Und den liefert der Ioniq 6 N in rauen Mengen. Die N-e-Shift-Funktion simuliert ein Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe, komplett mit Schaltrucken, Auspuffsprotzeln beim Gaswegnehmen (natürlich virtuell über Lautsprecher) und einer Drehzahlbegrenzung, die sich anfühlt wie bei einem echten Verbrenner. Technisch gesehen totaler Unsinn. Emotional? Ein Fest. Und die Technik liefert zuverlässig ab. Auch nach vielen Runden keine Überhitzungswarnungen, keine Ausfälle und keine Leistungsbeschränkung. Rennstrecke: Hier zeigt sich die wahre Natur Castellolí ist keine Spielwiese. Lange Geraden, enge Kehren, Hochgeschwindigkeitskurven, die einen respektvollen Umgang mit der Physik verlangen. 2,3 Tonnen sind eben 2,3 Tonnen, da hilft auch der beste Elektromotor nichts. Und trotzdem: Der Ioniq 6 N fühlt sich leichtfüßiger an, als er jedes Recht dazu hätte. Hyundai N hat die Fahrwerksgeometrie komplett überarbeitet, das Rollzentrum abgesenkt, elektronisch gesteuerte Dämpfer mit Wegstreckensensoren verbaut. Das Ergebnis lügt nicht: Das Auto liegt satt, reagiert präzise, lässt sich kontrolliert übersteuern und macht dabei ein breites Grinsen ins Gesicht. Die exklusiv entwickelten Pirelli P Zero 5 mit HN-Kennzeichnung halten erstaunlich lange durch, selbst nach acht Runden intensivem Rennbetrieb sehen sie noch ordentlich aus. Die Lenkung ist ein Gedicht. Schwergängig, ja. Vielleicht zu hart für die Stadt. Aber auf der Rennstrecke? Glasklar, präzise, mit einem Feedback, das man heute kaum noch findet. Man weiß jederzeit, was die Vorderachse macht. Die Bremse ist standfest wie ein Bunker, 400-mm-Scheiben vorne mit vier Kolben lassen auch nach acht harten Runden kein Fading erkennen. Nur der Bremsweg bleibt länger als bei leichteren Sportwagen. Physik lässt sich eben nicht austricksen. Drift-Modus: Rauch ohne Ende Den Drift-Optimizer haben wir natürlich auch ausprobiert. Das System regelt Einleitung, Winkel und Radschlupf automatisch, verlangt aber absolute Disziplin: Vollgas stehen lassen, nicht am Pedal modulieren, dem System vertrauen. Wer reflexartig eingreift, verliert den Drift. Aber wer sich darauf einlässt, produziert Rauch in industriellem Ausmaß. Auf einer längeren Driftstrecke wäre das vermutlich noch eindrucksvoller. So oder so: Spaßfaktor enorm. 75.900 Euro: Ein Schnäppchen? Klingt erst mal nach viel Geld und ist es auch. Aber man bekommt ein recht einzigartiges Auto mit unheimlich viel Fahrspaß und extremer Performance. Konkurrenten mit ähnlicher Auslegung sind rar. Der eng verwandte Kia EV6 GT beginnt bei 69.990 Euro und der Bruder Ioniq 5 N bei 74.900. Teslas Modell 3 Performance steht ab 58.900 Euro in der Garage, während BMW für den i4 M60 mindestens 73.900 Euro aufruft. Allen gemein ist die Tatsache, dass sie sowohl optisch als auch von der Performance her deutlich weniger extrem sind. Unser Urteil: Wahnsinn mit Methode Elektromobilität steht normalerweise für Vernunft, Effizienz, leise Fortbewegung. Der Ioniq 6 N steht für das genaue Gegenteil. Er ist laut, extrovertiert, verschwenderisch und macht dabei so unfassbar viel Spaß, dass man all das sofort verzeiht. Dass Hyundai N überhaupt den Mut hatte, eine Presseveranstaltung auf der Rennstrecke zu machen, spricht Bände über das Selbstvertrauen der Entwickler. Und wer N-Chef Joon Park mal live erlebt hat, versteht in Ansätzen den N-Thusiasmus dieser Submarke. Und dieses Selbstvertrauen ist nicht unbegründet. Der Ioniq 6 N liefert ab. Auf der Straße, auf der Landstraße und vor allem auf der Rennstrecke. Er ist nicht perfekt, die Sitze sind auf Langstrecke gewöhnungsbedürftig, das Design bleibt Geschmackssache. Aber wer einen elektrischen Sportwagen sucht, der sich ehrlich anfühlt, der auch nach acht Rennrunden noch durchhält und dabei täglich fahrbar bleibt, der sollte hier sehr genau hinhören. Alle Details zu Innenraum, Verbrauch, Bedienung, technischen Daten und viele Bilder finden Sie im ausführlichen Testbericht auf InsideEVs.de.