Das fehlende Puzzleteil in Volkswagens Elektrifizierungsstrategie ist nun an seinem Platz: Der Konzern bringt sein erstes Elektroauto mit Range-Extender auf den Markt. Der ID. Era 9X kommt aus China über das dortige Joint Venture von VW und SAIC und ist die serienreife Ausführung der letztjährigen Studie ID. Era. Mit einem Hauch Range-Rover-Flair tritt das voll ausgewachsene SUV mit sechs Sitzen auf und führt eine neue Designsprache ein, die speziell für VW-Modelle in China entwickelt wurde. Ein Blick ins technische Datenblatt zeigt, dass es zu den größten Fahrzeugen gehört, die die Marke je auf den Markt gebracht hat. Mit einer Länge von 5.21 Meter übertrifft der 9X den im vergangenen Jahr in China als Teramont Pro vorgestellten Atlas der zweiten Generation. Der ID. Era 9X ist 1.997 mm breit, 1.810 mm hoch und klotzt mit einem stattlichen Radstand von 3.070 mm. Abgesehen vom Bentley Bentayga mit langem Radstand ist der Neue das längste SUV im Konzern. Allerdings könnte er noch vom kommenden Audi Q9 übertroffen werden. Angaben des chinesischen Industrieministeriums zeigen zudem, dass er ein echter Brocken ist: Die schwerste Version bringt 2.700 Kilogramm auf die Waage. Das eigentliche Highlight des Fahrzeugs ist jedoch nicht seine imposante Größe, sondern der Antrieb. VW verbaut einen aufgeladenen 1,5-Liter-Benziner, der ausschließlich als Generator zur Batterieladung dient. Der Vierzylinder gehört zur EA211-Familie, arbeitet nach dem Miller-Zyklus und verfügt über einen Turbolader mit variabler Turbinengeometrie, dessen Technologie von Porsche stammt. Der Verbrennungsmotor leistet 141 PS und arbeitet mit einem oder zwei Elektromotoren zusammen. Das Basismodell nutzt einen einzelnen, hinten montierten E-Motor mit 295 PS. In der Variante mit zwei Motoren und Allradantrieb steigt die Systemleistung auf 510 PS. Die Ausführung mit einem Motor ist mit einer 51,1-kWh-Batterie ausgestattet, Käufer können aber auf einen größeren 65,2-kWh-Akku aufrüsten. Die Dual-Motor-Konfiguration kommt serienmäßig mit der größeren Batterie. VW gibt an, dass der größere Akku im eher großzügig ausgelegten CLTC-Zyklus mehr als 400 Kilometer Reichweite ermöglicht. Die Gesamtreichweite wurde zwar noch nicht genannt, dürfte aber – je nach Tankvolumen – bei um die 1.000 Kilometer liegen. Auch wenn der ID. Era 9X außerhalb Chinas wohl nicht verkauft wird, berichtete Bloomberg kürzlich, dass VW die Einführung von Elektroautos mit Range-Extender in Europa und den USA prüft. Parallel dazu wird die neue Submarke Scout mit dem Pickup Terra und dem SUV Traveler starten, die beide einen Saug-Benziner als Generator nutzen. Mit der Harvester-Option sollen diese Leiterrahmen-Modelle eine Gesamtreichweite von rund 800 Kilometern erreichen, davon knapp 250 rein elektrisch. Motor1-Einschätzung: Für VW ist es naheliegend, Elektroautos mit Range-Extender zu erproben, da die Technik in China, wo der Konzern über seine Joint Ventures stark vertreten ist, zunehmend Anklang findet. Ein Benzinmotor, der die Batterie bei Bedarf nachlädt, dürfte helfen, Reichweitenangst abzubauen und mehr Käufer vom reinen Verbrenner weg zu locken. Es wird sich zeigen, ob die Technologie auch in anderen Märkten tragfähig ist. Range-Extender können sinnvoll sein, weil Sie mit kleineren Batterien größere Reichweiten erzielen als reine Elektroautos. Gewicht spart das allerdings nicht unbedingt, wie wir am Beispiel des ID. Era 9X sehen. Über Scout hinaus deuten Berichte darauf hin, dass auch BMW nach den Erfahrungen mit dem i3 im vergangenen Jahrzehnt eine Rückkehr zu Range-Extendern prüft. Ähnlich wie VW denken die Bayern darüber nach, ihre größten SUVs mit einem Benzinmotor auszurüsten, der ausschließlich als Generator fungiert und keine mechanische Verbindung zu den Rädern hat.