Jaguar hat es offensichtlich nicht eilig mit seiner radikalen Neuerfindung als hochpreisige Edelmarke. Obwohl man aktuell tatsächlich nur noch den in die Jahre gekommenen F-Pace im Programm hat, lässt sich der angeschlagene Autobauer richtig Zeit mit der Markteinführung seines Type 00. Nun ist es tatsächlich schon wieder über ein ein Jahr her, dass die hoch kontroverse Studie samt wokem Werbespot aus der Versenkung auftauchte und eine völlige Abkehr von den alten Wegen signalisierte. Die Tarnung wird irgendwann im nächsten Jahr fallen, aber die Auslieferungen werden nicht vor 2027 beginnen. In der Zwischenzeit gibt Jaguar ein seltenes Update über die Fortschritte bei der Entwicklung und den Tests. Das Unternehmen hat die wichtigsten technischen Spezifikationen für den intern "X900" genannten Wagen festgelegt. Der extravagante Grand Tourer wird von drei Elektromotoren - einem vorne und zwei hinten - mit insgesamt mehr als 1.000 PS angetrieben. Die Rede ist zudem von einer Kraftverteilung im Verhältnis 30:70, wobei diese Zahlen wohl auch je nach Fahrsituation variieren können. Wie nicht anders zu erwarten, haben wir es hier mit einem sehr schweren Auto zu tun. Obwohl man sich bei Jaguar über das genaue Gewicht noch ausschweigt, strebt Jaguar weniger als 2.750 Kilogramm an, die sich gleichmäßig auf die beiden Achsen verteilen sollen. Mit einer Länge von über fünf Metern und serienmäßigen 23-Zoll-Rädern wird der Jaguar der neuen Ära eine imposante Erscheinung sein. Seine recht pompöse Ausstrahlung wird durch eine extrem lange Motorhaube unterstrichen, die geradezu nach einem großvolumigen Verbrenner zu verlangen scheint. Der zu Tata Motors gehörende Hersteller hat jedoch deutlich gemacht, dass es kein Zurück zum klassischen Antrieb geben soll und man voll und ganz auf Elektromobilität setzt. Hinten sieht es nach einer großen Heckklappe aus, die aber den aktuellen Bildern nach zu urteilen eine relativ schmale Öffnung hat. Das könnte den Zugang zum Laderaum erschweren. Das Herzstück des langnasigen Elektro-GT von Jaguar wird ein großes Batteriepaket sein, das Autocar auf 120 kWh schätzt. Mit einer vollen Ladung soll das Auto 644 Kilometer weit kommen, vermutlich nach WLTP. Das Fahrzeug wurde auf einer eigens kreierten Plattform entwickelt, die ausschließlich für Elektroautos bestimmt ist. Top Gear durfte in einem der Prototypen mitfahren und erfuhr unter anderem, dass das Auto über eine Luftfederung und eine Zweiventil-Dämpfung verfügen wird, wie man es von Range Rover kennt. Angesichts der Größe des Gefährts und seines massiven Radstands ist die Hinterradlenkung keine Überraschung. Der maximale Einlenkwinkel beträgt sechs Grad. Laut PistonHeads, wo man ebenfalls mitfahren durfte, erreichte der Prototyp mühelos über 250 km/h und blieb dabei dank aktiver Geräuschunterdrückung unheimlich leise. Geschäftsführer Rawdon Glover sagte unserer Schwesterseite InsideEVs, dass Jaguar 150 Prototypen gebaut hat und dass das endgültige Design feststeht. Wenn der Neustart-Jaguar bei den Händlern steht, wird man laut Glover mit einem Einstiegspreis von rund 120.000 Pfung (knapp 137.000 Euro) rechnen müssen. Kommenden Sommer wird man wohl die Auftragsbücher öffnen. Es bleibt abzuwarten, ob die vierstellige PS-Zahl Käufer anlockt. Jaguar hat akzeptiert, dass man wahrscheinlich die meisten seiner derzeitigen Kunden verprellen wird. Anfang dieses Jahres schätzte Glover, dass nicht mal 15 Prozent der bisherigen Stammkundschaft zu den Käufern des Type 00 gehören werden . Mit anderen Worten: 85 Prozent sind Neukunden der Marke. Der Wechsel in eine höhere Preisklasse wird sich direkt auf den Absatz auswirken. Jaguar befindet sich bereits auf sehr dünnem Eis - die Produktion sämtlicher Modelle mit Ausnahme des F-Pace ist inzwischen eingestellt. Im vergangenen Jahr wurden nur etwa 33.000 Autos ausgeliefert, 2018 waren es 181.500. Basierend auf den neuesten Daten des Verbandes der Europäischen Automobilhersteller werden die Zahlen im Jahr 2025 noch niedriger sein. Bis Oktober sanken die Jaguar-Zulassungen in den 27 EU-Ländern sowie in Island, Liechtenstein, Norwegen, der Schweiz und Großbritannien um 86,2 Prozent auf 2.845 Einheiten. Globale Zahlen liegen nicht vor, aber alles deutet darauf hin, dass das Jahr 2025 weitaus schlechter ausfallen wird als 2024. Das neue Jaguar wird nicht mehr vorrangig auf Absatzzahlen setzen, sondern auf höhere Gewinnmargen. Mit seinem ultragewagten Design, der ungewöhnlichen Form und dem hohen Preis ist der kommende GT eine riskante Wette. Die kontroverse Marketingkampagne, die Jag's neue Richtung ankündigte, trägt nur noch mehr zur Unsicherheit bei.