Als regelmäßige Leser unserer Seite kennen Sie es: Große Automobilkonzerne haben für jeden Teil dieser Welt spezielle Modelle. Manches davon wirkt für unsere Augen kurios. So auch jene früheren Entwürfe für den brasilianischen Markt, die General Motors (GM) nun veröffentlicht hat. Nach einem Jahr voller Feierlichkeiten beendete General Motors do Brasil kürzlich die Aktivitäten zum 100-jährigen Jubiläum. Interlagos wurde als Schauplatz für ein vom Clube do Chevrolet veranstaltetes Festival gewählt – mit einer Ausstellung klassischer Fahrzeuge und einer Gleichmäßigkeitsrallye für Modelle aus der Zeit vor 1996. Neben der Präsentation der aktuellen Modellpalette nutzte der Hersteller das Event zur Vorstellung des Buchs GM do Brasil 100 anos: sempre na direção do futuro. Es handelt sich um einen großformatigen Hardcover-Band (29 cm × 29 cm) mit 324 Seiten, illustriert mit rund 800 Bildern. Die Erstauflage ist auf 1.000 Exemplare limitiert; die Markteinführung soll in Kürze erfolgen, inklusive einer digitalen Version – in portugiesischer und englischer Sprache. Preise und Verkaufskanäle wurden bislang nicht genannt. Der Journalist Felipe Nóbrega, seit über einem Jahrzehnt in der Kommunikationsabteilung von GM tätig, interviewte Dutzende Quellen und tauchte tief in das außergewöhnlich reichhaltige – und inzwischen hundertjährige – Archiv des Werks in São Caetano do Sul ein. Dabei förderte er viel Material zutage, das der breiten Öffentlichkeit bislang unbekannt war. Gemeinsam mit dem Forscher Rogério de Simone hatte ich das Glück, zur Recherche und zur inhaltlichen Kuratierung des Buchs beitragen zu dürfen und dabei Zugang zu Materialien zu erhalten, die ich so nie erwartet hätte. Überraschend war vor allem, wie viele Dokumente in diesen 100 Jahren Unternehmensgeschichte erhalten geblieben sind – statt im Laufe der Jahrzehnte "aus Platzgründen" entsorgt zu werden, wie es nicht nur in der brasilianischen Automobilindustrie häufig vorkommt. Chevrolet C-14 mit vom Opala inspirierter Kühlergrill Die Sammlung umfasst Fotos und Negative aus Fertigungslinien, Unternehmensbüros, Originale von Werbeanzeigen, das Gründungsprotokoll der "General Motors of Brazil" und sogar den Grundriss der ersten Werkhalle des Unternehmens an der Avenida Presidente Wilson, 201, in São Paulo. Dazu kommen – natürlich – Pressebilder von Pkw, Lkw und Bussen sowie sogar von Frigidaire-Kühlschränken (die ebenfalls von GM produziert wurden, auch bei Opel in Rüsselsheim). Dieses umfangreiche Dokumentenkonvolut wurde von Felipe recherchiert, identifiziert, redaktionell aufbereitet und zu einem großen Teil digitalisiert – und wird nun den Lesern zugänglich gemacht. Im Zuge der Arbeit stieß der Journalist auf erstaunliche Details, etwa auf den Beitrag des Unternehmens zum Formel-1-Projekt Copersucar-Fittipaldi: Tonmodelle wurden im Designstudio von GM do Brasil modelliert, und die aerodynamischen Tests erfolgten mit technischer Unterstützung der Ingenieure des Unternehmens. Halb Opel, halb Opala Das Buch ist in thematische Kapitel gegliedert – etwa GM weltweit, GM do Brasil, Kuriositäten und Vermächtnis – und lässt dadurch verschiedene Lesarten zu: Je nach Vorwissen und Interesse kann man es unterschiedlich durcharbeiten. Die Geschichte der Fahrzeuge der verschiedenen Konzernmarken erscheint stets eingebettet in die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen, die das Land in den vergangenen 100 Jahren geprägt haben. Geheimes Archiv Für die heutige Kolumne hebe ich wenig bekannte Hintergründe der Fahrzeugentwicklung von GM do Brasil zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren hervor. Zu sehen sind Zeichnungen und Fotos von Designstudien, Modellen und Prototypen, die unterschiedliche Entwicklungsstände erreichten, jedoch nie auf den Markt kamen. Einige davon galten als vertrauliches Material und werden nun erstmals veröffentlicht. Den Anfang macht ein Vorschlag zur Auffrischung für das Modelljahr 1969 der Pick-ups Chevrolet C-14 und der Lkw C-60, die einen Kühlergrill im Stil des frisch eingeführten Opala erhalten sollten. Der Geländewagen C-1416 (der damals noch nicht Veraneio hieß) hätte fast einen deutlich aufwendigeren Grill bekommen – ähnlich dem, der 1971 bei US-Pick-ups von Chevrolet in Serie ging. Studie der Rückleuchten des Opala Die vielen Gesichter des Opala Beim Opala (ein Verwandter des Opel Rekord C) mangelt es nicht an Bildern von Studien zu Kühlergrills, Rückleuchten und anderen Komponenten, die in Brasilien entwickelt wurden – sogar eine ungewöhnliche, gestreifte Sitzpolsterung ganz im Stil der 1970er-Jahre ist dabei. Schade nur, dass das Foto nicht farbig ist. Der Caravan debütierte in Brasilien auf dem Salon 1974 bereits mit der Front des Modelljahrs 1975. Die Pläne, den Kombi im Land zu bauen, waren jedoch deutlich älter: Eine Zeichnung aus der Designabteilung zeigt den Station Wagon mit dem Kühlergrill des Opala de Luxo von 1971. Außerdem besitzt die Karosserie vier Türen – wie bei einer der Varianten des deutschen Opel Rekord C Caravan. Es gab mehrere Facelift -Studien für den Opala des Modelljahrs 1973. Sogar eine Variante mit vier Scheinwerfern wurde erwogen. Am Ende entschied man sich für die schlichtere Lösung: eine Front mit nur zwei Scheinwerfern und einem Grill mit mittlerer Zierleiste und Chromrahmen – ohne große Revolution gegenüber der Baureihe 1971/1972. Archivfoto GMB Pickup Opala mit Front des Modells 75 Die Opala-Familie sollte außerdem eine Pick-up-Version erhalten: das in Brasilien entwickelte Projekt V80 (eine Version mit Ladefläche gab es beim deutschen Opel Rekord C nicht). Ein Foto im Archiv von GMB zeigt einen Pick-up bereits mit der Front des Opala 1975 und sportlicher Anmutung – inklusive gelb lackierter Räder, verchromter Zierringe und Firestone Maxi-Sport-Reifen mit weißen Schriftzügen. Mit leicht nach vorn geneigten hinteren Säulen wäre das eine Art brasilianischer Chevrolet El Camino geworden. Die Idee wurde jedoch wegen der erforderlichen strukturellen Änderungen sowie Anpassungen an Fahrwerk und Aufhängung nicht weiterverfolgt. Das Buch zeigt außerdem den Entwurf eines Opala-Hatchbacks, der 1981 hätte starten sollen. Mit einer Silhouette, die an den in den USA gebauten Chevrolet Citation erinnerte, hatte der Prototyp geradlinigere Formen als das Opala Coupé. Bereits vorhanden waren versenkte Türgriffe (als Vorgriff auf die Modellpflege 1985), dennoch ging das Fahrzeug nie in Serie. Ein Mix aus Kadett und Ascona Der Chevrolet Monza kam in Brasilien 1982 als Hatchback auf den Markt und erhielt 1983 Limousinenkarosserien mit zwei und vier Türen. Grundlage war der Opel Ascona C. General Motors do Brasil plante jedoch, die Monza-Familie um einen Kombi zu erweitern – vorgesehen für das Modelljahr 1985. Einen solchen gab es in Großbritannien beim Vauxhall Cavalier, nicht jedoch für den deutschen Ascona. Chevrolet Monza S.W. (1985) Die Archivfotos zeigen einen zweitürigen Kombi mit für die Zeit sehr modernen Linien. Geplant waren schlanke Säulen und eine große Glasfläche im hinteren Bereich. Das Projekt wurde nicht fortgesetzt und machte damit den Weg frei für die Firma Envemo aus dem Bundesstaat São Paulo, die ihren eigenen Monza Kombi entwickelte, genannt Camping. Ende 1989 brachte GM in Brasilien den Ipanema auf den Markt, einen vom Kadett abgeleiteten Kombi. Der Monza 87 und halb (1) Der Monza erhielt sein erstes optisches Update im Mai 1985 (das Modell wurde als Monza "85 e meio" bekannt). Das Buch zeigt, dass die Designabteilung von GM do Brasil für zwei Jahre später deutlich größere Änderungen untersuchte – den "Monza 87 e meio". Der Kühlergrill ähnelte stark dem des deutschen Opel Kadett E (1984 eingeführt), während die Scheinwerfer an den Opel Omega A erinnern. Die Rückleuchten waren über eine rote Leiste verbunden. Die größte Veränderung betraf jedoch die Karosserie der viertürigen Limousine: Ein kleines zusätzliches Seitenfenster veränderte die Form der C-Säule. Letztlich fiel die Überarbeitung für das Modelljahr 1988 deutlich dezenter aus – mit den üblichen Retuschen an Grill, Scheinwerfern, Rückleuchten und Stoßfängern sowie Verbesserungen im Innenraum. Entwicklung des Chevette, mit anderem Kühlergrill zur Tarnung Chevette im Kadett-E-Look Die 1980er-Jahre waren in Brasilien von wirtschaftlichen Krisen geprägt, und die Hersteller mussten die Lebensdauer ihrer Produkte mit vorhandenen Mitteln strecken. Der 1973 eingeführte Chevrolet Chevette (ein Ableger des Opel Kadett C) hatte bereits zwei größere Modellpflegen hinter sich und verkaufte sich weiterhin gut. Die neue Generation des Chevette sollte 1989 auf den Markt kommen, weiterhin mit Hinterradantrieb Für das Modelljahr 1989 wurde untersucht, das Modell erneut zu modernisieren – unter Beibehaltung der T-Plattform mit Hinterradantrieb. Die neue Generation des brasilianischen Chevette sollte sich gestalterisch am deutschen Opel Kadett E Stufenheck ("Formheck" hieß es damals im Prospekt) orientieren. Neben deutlich modernerem Design sollte das Auto in der Version SL zudem ein digitales Kombiinstrument erhalten. Das brasilianische Projekt wurde jedoch eingestellt: Schließlich stand GM kurz davor, ebenfalls 1989 den modernen Chevrolet Kadett in Brasilien einzuführen – als Hatchback und Kombi; zeitweise wurde auch über eine Pick-up-Variante nachgedacht. Am Ende war es der sportliche Kadett GSi, der das digitale Instrumentenlayout erhielt – etwas, das damals futuristisch wirkte. Der Chevette blieb dagegen ohne größere Änderungen bis 1993 im Programm, bevor er vom Corsa abgelöst wurde. Das Buch enthält zudem weitere ungewöhnliche Bilder – etwa von einem in den 80ern entwickelten GMC-Frontlenker-Lkw, einem Crash-Test des Caravan und einer der Designstudien zum ersten Onix.