Während die Verkaufszahlen schwächeln und strategische Kurskorreturen nötig werden, hat Mercedes-Benz offenbar ein neues Betätigungsfeld entdeckt: Immobilien. Gemeinsam mit dem Bauträger Binghatti will der Stuttgarter Autobauer nun eine komplette "Mercedes-Benz City" in Dubai aus dem Boden stampfen. Über 836.000 Quadratmeter soll das gigantische Projekt umfassen, wie das Unternehmen stolz verkündet. Das Konzept klingt durchaus ambitioniert. Luxusresidenten, Einkaufsboulevards, Parks, Wellness-Bereiche und natürlich jede Menge "Mobilitätszentren" sollen in diesem Multi-Tower-Komplex im Stadtteil Meydan vereint werden. Eine "Stadt in der Stadt" nennt Mercedes das Ganze, bei der die Bewohner ihren täglichen Bedarf fußläufig decken können. Die Designsprache der "Sinnlichen Klarheit" vom Auto wird dabei auf die Architektur übertragen, verspricht man. Gordon Wagener hat wahrscheinlich seine helle Freude dran. Die Verantwortlichen sind vom Projekt überzeugt. Für Binghatti ist es bereits das zweite gemeinsame Projekt mit Mercedes. Ein 65-stöckiges Hochhaus in Downtown Dubai ist derzeit im Bau. Dazu kommt ein weiteres Projekt mit einem anderen Partner in Miami. Vertriebsvorstand Mathias Geisen schwärmt von "außergewöhnlichen Erlebnissen" und davon, dass die Marke "zu einem echten Zuhause" werde. Schön und gut, doch drängt sich unweigerlich die Frage auf: Ist das wirklich die richtige Priorität? Eine Frage, die man sich übrigens auch beim ähnlich gelagerten Fall von Brabus stellen kann Denn während Mercedes auf dem Immobilienmarkt expandiert, läuft es im angestammten Geschäft alles andere als rund. Die jahrelang verfolgte Strategie, sich ausschließlich auf das Highend-Segment zu konzentrieren und erschwinglichere Modelle zu vernachlässigen, erweist sich zunehmend als Fehler. Nun rudert der Konzern zurück und kündigt einen Strategiewechsel an. Gleichzeitig mehren sich Beschwerden über nachlassende Produktqualität, komplizierte Bedienkonzepte und ein schlechter werdendes Preis-Leistungs-Verhältnis. Auf dem CLA ruhen große Hoffnungen Die Unzufriedenheit vieler Kunden mit den aktuellen Produkten ist spürbar, die Gewinnmargen schrumpfen, und die Konkurrenz macht massiv Druck. Statt all diese hausgemachten Probleme konsequent anzugehen, investiert man Ressourcen und Energie lieber in luxuriöse Wohntürme am Arabischen Golf. Klar, zusätzliche Berührungspunkte mit der Marke zu schaffen, mag Teil einer modernen Lifestyle-Strategie sein. Doch wenn die Autos selbst nicht mehr überzeugen, hilft auch das schönste gebrandete Apartment wenig. Potenzielle Käufer interessieren sich primär dafür, ob der nächste Mercedes technisch, qualitativ und preislich stimmt, nicht ob sie in einem Mercedes-Hochhaus wohnen können. Natürlich können solche Projekte bei einer bestimmten Zielgruppe positiv auf das Image einzahlen. Vielleicht sollte sich der Konzern trotzdem fragen, ob die gesamte Aufmerksamkeit nicht besser in die Produktentwicklung, bessere Qualitätssicherung oder wettbewerbsfähigere Preise fließen sollten. Denn am Ende kaufen Kunden Mercedes-Autos, weil sie gute Autos wollen, keine Hochhäuser mit Stern.