Ein kleiner Defekt mit möglicherweise großen Folgen: VW muss gemeinsam mit seinen Konzernmarken Millionen von Fahrzeugen zurückrufen.
Ausgerechnet eine Schraube an der Lenkung könnte unter bestimmten Bedingungen zum Problem werden.
Für den Autobauer aus Wolfsburg ist die Angelegenheit alles andere als eine Kleinigkeit. Denn im schlimmsten Fall kann die betroffene Verschraubung durch Korrosion beschädigt werden. Schreitet der Prozess weit genug voran, könnte die Befestigung der Lenkung beeinträchtigt werden – und damit auch die Kontrolle über das Fahrzeug.
Doch warum nimmt Volkswagen einen derart umfangreichen Rückruf in Kauf? Und wie groß ist die tatsächliche Gefahr für Autofahrer?
📌 Volkswagen – Sicherheit und Rückrufaktionen
- Volkswagen ist ein deutscher Automobilhersteller mit Hauptsitz in Wolfsburg. Das Unternehmen produziert weltweit verschiedene Pkw-Modelle
- Was sind Sicherheitsrückrufe? Bei einem Sicherheitsrückruf werden Fahrzeuge in die Werkstatt zurückgerufen, wenn ein möglicher technischer Fehler die Sicherheit der Insassen oder anderer Verkehrsteilnehmer gefährden kann
- Mögliche Ursachen: Rückrufaktionen können beispielsweise durch fehlerhafte Airbags, Probleme mit Bremsen, Sicherheitsgurten, Lenkung oder Software ausgelöst werden
- Ziel der Rückrufe: Volkswagen muss erkannte Sicherheitsmängel untersuchen und geeignete Maßnahmen ergreifen, damit betroffene Fahrzeuge wieder den Sicherheitsanforderungen entsprechen
- Betroffene Autobesitzer werden in der Regel über einen Rückruf informiert und erhalten Hinweise, wie sie eine Werkstatt aufsuchen können
- Kosten: Notwendige Reparaturen im Rahmen eines offiziellen Sicherheitsrückrufs sind für Fahrzeughalter grundsätzlich kostenlos
VW: Sicherheit statt Kosten
Eine Frage habe bei der Entscheidung über den Rückruf überhaupt keine Rolle gespielt: Das Geld. Dazu hat sich jetzt Andreas Krepp, Chef der konzernweiten Qualitätssicherung bei VW, im Gespräch mit „auto motor und sport“ geäußert. Krepp macht im Interview deutlich, dass die Sicherheit der Autofahrer für ihn über allen wirtschaftlichen Überlegungen steht. Selbst wenn eine Rückrufaktion dieser Größenordnung erhebliche Kosten verursacht, gebe es aus seiner Sicht keine Alternative.
„Sicherheit bei der Lenkung ist eine Frage von Leben und Tod“, stellt der VW-Qualitätschef klar. Eine Finanzentscheidung dürfe es bei solchen Sicherheitsfragen nicht geben. Besonders deutlich wird Krepp auch bei der Frage, wer letztlich über die Maßnahme entschieden hat: Nicht der Konzernvorstand habe darüber befunden, sondern die Qualitätssicherung.
Dabei ist die Wahrscheinlichkeit eines tatsächlichen Schadens nach Einschätzung des Managers gering. Konkret geht es um eine Befestigungsschraube am Lenkgetriebe. Unter bestimmten regionalen Bedingungen, insbesondere bei einer Kombination aus Streusalz und Feuchtigkeit, kann deren Schraubenkopf über einen längeren Zeitraum korrodieren.
Das Problem: Ein solcher Schaden muss nicht unmittelbar nach der Produktion auftreten. Selbst wenn während der Entwicklung und Erprobung rund 99 Prozent der entsprechenden Fälle abgedeckt und behoben würden, könnten sich einzelne Probleme erst nach vielen Jahren im regulären Betrieb zeigen. Genau das sei bei der aktuellen Rückrufaktion der Fall.
Krepp betont allerdings, dass es bislang keinen einzigen Unfall mit Personenschaden gegeben habe. Trotzdem werde konsequent gehandelt: Alle betroffenen Fahrzeuge weltweit sollen im Rahmen der Rückrufaktion überprüft und entsprechend nachgebessert werden.
Für den Qualitätschef ist das offenbar keine Frage der Abwägung.
VW-Autos sind mechanisch besser geworden
Der umfangreiche Rückruf wirft auch eine grundsätzliche Frage auf: Wie steht es eigentlich um die Qualität moderner Volkswagen? Schließlich sind die technischen Anforderungen an heutige Fahrzeuge deutlich gestiegen. Immer mehr Funktionen, elektronische Systeme und digitale Komponenten machen die Autos komplexer als frühere Generationen.
Krepp sieht die mechanische Qualität dabei durchaus positiv. Die Werkstattdaten der vergangenen zehn bis 15 Jahre würden zeigen, dass sich die Fahrzeuge in diesem Bereich erheblich verbessert hätten. Als Beispiel nennt er den Golf: Ein Golf V sei mechanisch deutlich häufiger ausgefallen als ein Golf VII oder Golf VIII.
Die eigentlichen Herausforderungen sieht der VW-Manager inzwischen an anderer Stelle. Weniger die Mechanik, sondern vielmehr die Software bereite der Branche Schwierigkeiten. Moderne Fahrzeuge seien technisch so komplex geworden, dass ein vollständig fehlerfreies Produkt zum Produktionsstart kaum noch realistisch sei. „Im Softwarebereich müssen wir uns von der Vorstellung eines völlig fehlerfreien Produkts zum Start of Production verabschieden, weil es das schlicht nicht gibt“, erklärt Krepp im Interview.
Entscheidend sei deshalb nicht nur, Fehler frühzeitig zu erkennen, sondern sie anschließend möglichst schnell zu beheben. Eine wichtige Rolle spielen dabei sogenannte Over-the-Air-Updates. Damit lassen sich Softwareaktualisierungen direkt auf das Fahrzeug übertragen, ohne dass Autofahrer dafür zwingend eine Werkstatt aufsuchen müssen. Für VW bietet diese Technik offenbar auch einen Vorteil bei der Kundenakzeptanz.
Updates statt Werkstattbesuch?
Denn während ein notwendiger Werkstatttermin bei vielen Autofahrern eher für Ärger sorgt, werden digitale Aktualisierungen offenbar anders wahrgenommen. Ein Over-the-Air-Update werde von Kunden häufig wie ein kostenloses Upgrade und eine Verbesserung des Fahrzeugs verstanden, erklärt Krepp.
Ein Softwareupdate im Autohaus habe dagegen früher eher negative Gefühle ausgelöst. Für Volkswagen und andere Hersteller könnte sich damit auch die Art verändern, wie künftig mit technischen Problemen umgegangen wird.
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Der aktuelle Schrauben-Rückruf zeigt allerdings, dass sich nicht jedes Problem digital lösen lässt. Wenn ein sicherheitsrelevantes Bauteil betroffen ist, führt an einer tatsächlichen Überprüfung und Reparatur kein Weg vorbei.
Und bei der Sicherheit der Lenkung, das macht Krepp unmissverständlich deutlich, soll es keine Kompromisse geben.