Es gibt Automobile, die einen ganz besonderen Reiz ausüben, weil sie auf den ersten Blick fast unsichtbar im Straßenbild mitschwimmen, unter dem Blech aber die Faszination feiner Ingenieurskunst verbergen. Der W 124 mit dem dicken Achtzylinder ist genau so ein Kandidat. Wer sich aktuell in die Hallen des Mercedes-Benz Museums in Stuttgart begibt, kann im Rahmen der Sonderschau "Youngtimer" nun ein ganz spezielles Stück dieser schwäbischen Zeitgeschichte bewundern. Dort steht ein Mercedes E 500 (1995) im Rampenlicht, der nicht nur optisch eine makellose Zeitkapsel darstellt. Er ist der absolut letzte gebaute Vertreter dieser Baureihe, der jemals die Werkshallen verlassen hat. Bildergalerie: Mercedes-Benz E 500 Limited (1995) Mit Blick auf das analoge Kombiinstrument dürfte dieses spezielle Limited-Sondermodell zudem eines mit den geringsten Kilometern auf der Uhr sein. Gerade einmal 422 gefahrene Kilometer lassen sich dort ablesen. Der V8-Wolf im Schafspelz wanderte nach dem Produktionsende im Frühjahr 1995 offenbar ohne Umwege in die historische Sammlung und harrte dort der Dinge, die da kommen. Pendelverkehr zwischen Sindelfingen und Zuffenhausen Die Entstehungsgeschichte dieser potenten Limousine liest sich noch heute recht unkonventionell. Anfang der 1990er-Jahre war man bei Mercedes-Benz massiv mit der Entwicklung der neuen S-Klasse ausgelastet, wollte dem Markt aber zügig ein sportliches Topmodell für die obere Mittelklasse liefern. Die Lösung lag nur wenige Kilometer entfernt bei Porsche. Die Zuffenhausener hatten zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise freie Entwicklungs- und Produktionskapazitäten. So adaptierten die Sportwagenbauer den mächtigen 5,0-Liter-V8 aus dem Roadster 500 SL für den Einsatz in der braven Limousine. Mercedes-Benz E 500 Limited (1995) Mercedes-Benz E 500 Limited (1995) Bilder von: Mercedes-Benz Doch der Einbau des großen Motors und der entsprechend breiteren Spur brachte ein logistisches Problem mit sich. Die W 124-Karosserie musste mit dezenten, aber voluminöseren Kotflügeln versehen werden, wodurch das Fahrzeug schlichtweg nicht mehr durch die bestehenden Produktionsanlagen in Sindelfingen passte. Die Konsequenz war ein aufwendiger Tanz der Karosserien. Die Teile wurden ins Porsche-Werk zum "Reutter-Bau" geliefert und dort weitgehend von Hand zusammengefügt. Anschließend gingen die Rohkarossen zurück nach Sindelfingen in die Lackiererei, um danach wieder für die Endmontage samt Motorhochzeit bei Porsche aufzuschlagen. Bis zu 18 Tage nahm dieser Prozess für ein einziges Fahrzeug in Anspruch. Souveräne Fahrleistungen im limitierten Maßanzug Zunächst noch als 500 E vermarktet, wurde der Spieß zur Modellpflege 1993 im Rahmen der neuen Nomenklatur einfach umgedreht. Aus dem 500 E wurde der E 500. Anfangs mit 326 PS und 480 Newtonmeter Drehmoment gestartet, wurde später auf 320 PS und 470 Newtonmeter korrigiert. Um den nahenden Abschied des Power-W 124 gebührend zu feiern, legte Mercedes-Benz im Jahr 1994 das exklusive Sondermodell E 500 Limited auf. Exakt 500 Exemplare der Stuttgarter Hochleistungslimousine rollten in dieser speziellen Konfiguration vom Band, bevor die Produktion 1995 endgültig eingestellt wurde. Wie wir jetzt wissen, sind offenbar nicht alle 500 an Kundinnen und Kunden ausgeliefert worden. Mercedes-Benz E 500 Limited (1995) Mercedes-Benz E 500 Limited (1995) Bilder von: Mercedes-Benz Details kennzeichnen dieses besondere Gefährt als Limited. Äußerlich war das Sondermodell ausschließlich in den Sonderlackierungen Saphirschwarz oder Brillantsilber bestellbar. Der Schwabe stand auf Leichtmetallfelgen, die das Design des legendären 190 E 2.5-16 Evolution II aufgriffen. Im Innenraum durften die Kunden sich über farblich individualisierte Ledersitze mit Einsätzen in Grau, Grün oder Rot freuen. Abgerundet wurde das noble Cockpit durch exklusive Holzapplikationen, bei denen man zwischen dunklem Wurzelnussholz und tiefschwarzem Vogelaugenahorn wählen konnte. Wer sich heute einen 500 E oder E 500 in die Garage stellen will, wird mindestens 40.000 Euro aufwärts einkalkulieren müssen. Ein Benz der Limited-Serie zielt da eher in Richtung 60.000 Euro. Einen weiteren mit 422 Kilometern auf der Uhr werden Sie vermutlich nicht mehr finden.