Der "Flügeltürer" zählt zu den berühmtesten und besonders teuren Oldtimern. Kein Wunder, schließlich wurden nur 1400 Coupés und 1858 Roadster gebaut. Jetzt gibt es die Chance auf einen ganz besonderen Mercedes 300 SL. Er wird Ende Februar 2026 vom Auktionshaus Artcurial in Paris versteigert und soll zwischen zwei und fünf Millionen Euro einbringen. Am 26. Januar 1956 verlässt ein Mercedes 300 SL mit der Fahrgestellnummer 198040-6500019 das Werk in Stuttgart. Bereits bei der Bestellung zeichnet sich ab, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Exemplar handelt. Das Fahrzeug ist mit sämtlichen damals verfügbaren Sportoptionen ausgestattet und gehört damit zu den am aufwendigsten konfigurierten 300 SL. Hinzu kommt eine besonders seltene Farbkombination: Von nur 106 Fahrzeugen ist dieses Exemplar in Graphitgrau (DB 190) lackiert und mit einem Interieur in Naturleder (Naturfarbe 1068) versehen. Bildergalerie: 1956 Mercedes 300 SL "Gullwing" Die auf dem Werksprüfblatt vermerkten Ausstattungsmerkmale dokumentieren die hohen Ansprüche des Erstbesitzers. Dazu zählen der leistungsoptimierte NSL-Motor, ein Sportfahrwerk mit speziellen Stoßdämpfern und Federn, Zentralverschluss-Rudge-Räder, ein zweiteiliges Lederkofferset, eine verlängerte Lenksäule, eine Hinterachsübersetzung von 3,42:1 sowie weitere Detailausstattungen wie Nebelschlussleuchte, Sealed-Beam-Scheinwerfer, Rostschutz- und Dämmmaterialien. Der Wagen wird zudem ohne Einzelsitze ausgeliefert. Einer von 30 Franzosen-Flügeltürern Dieses Fahrzeug ist eines von lediglich 30 300 SL Gullwing, die neu in Frankreich zugelassen werden. Bestellt wird es über den Pariser Importeur Royal-Elysées, geleitet von Charles Delcroix, im Auftrag des Erstbesitzers Claude Foussier. Claude Foussier, geboren am 19. April 1925 in Paris, ist Industrieller und erfolgreicher Sportschütze. Er lebt in den von Jean Walter 1931 entworfenen Art-déco-Wohnanlagen an der Porte de la Muette, 2 Boulevard Suchet im 16. Arrondissement von Paris. Dieser Ort spielt später eine besondere Rolle in der Geschichte des Fahrzeugs. Beruflich bekleidet Foussier leitende Positionen unter anderem bei Pernod-Ricard, ist Geschäftsführer der Société Parisienne de Boissons Gazeuses und Importeur von Coca-Cola für Europa. Parallel dazu verfolgt er eine sportliche Laufbahn im olympischen Schießsport. Er nimmt an den Olympischen Spielen 1960 in Rom und 1964 in Tokio teil, wird mehrfach Europameister im Team, erreicht mehrere Vize-Europameistertitel im Einzel und gewinnt den Coupe des Nations in Madrid. Später übernimmt er zahlreiche Funktionen im internationalen Sport, unter anderem als Präsident des französischen Schützenverbands, Leiter der französischen Olympia-Delegationen und als Träger des Ordre Olympique sowie der Ehrenlegion. Auch als Automobilenthusiast zeigt der 2010 verstorbene Foussier ausgeprägte Individualansprüche. 1960 bestellt er eine Ferrari 250 SWB Berlinetta exakt nach seinen Vorstellungen, einschließlich technischer Modifikationen und einer individuellen Lackierung. Diese Haltung spiegelt sich bereits 1955 wider, als er den neu vorgestellten Mercedes 300 SL auswählt und konsequent mit allen sportlichen Optionen bestellt. Anfang Januar 1956 übernimmt Foussier den 300 SL in Paris und meldet ihn auf seine Adresse am Boulevard Suchet an. Dort bleibt das Fahrzeug bis März 1961 in der Garage des Wohnhauses. Anschließend verkauft er es an Roger Loyet, ehemaligen Rennfahrer und später bekannten Pariser Automobilhändler. Bereits zwei Monate später geht der Wagen an Jean Piger, einen weiteren Industriellen aus Paris, der ihn am 31. Mai 1961 unter Beibehaltung des ursprünglichen Kennzeichens zulässt. Die Besitzer wechseln 1984 zieht Piger auf sein Château de Margeaix um. Zwar ändert sich das Kennzeichen formal, die ursprünglichen Nummernschilder bleiben jedoch erhalten. Der 300 SL wird gemeinsam mit weiteren hochklassigen Fahrzeugen in den Nebengebäuden des Anwesens abgestellt. Ein Steueraufkleber von 1993 belegt die letzte Nutzung im Straßenverkehr. 2014 entscheidet sich Piger nach mehr als fünf Jahrzehnten Besitz zum Verkauf. Zu diesem Zeitpunkt steht der Wagen seit elf Jahren still. Trotz Staubschicht und entladener Batterie genügt ein minimaler technischer Eingriff, um den Motor zu starten. Der Verkauf erfolgt über einen Händler an der Côte d’Azur, anschließend gelangt der Wagen nach Deutschland. Der neue Eigentümer, ein zurückhaltender Sammler, bewahrt den 300 SL unberührt in einer Schutzkapsel auf. Neun Jahre später entdeckt ein Pariser Sammler das Fahrzeug zufällig. Nach weiterer Wartezeit wechselt der Wagen erneut den Besitzer und kehrt nach Paris zurück. Eine Recherche ergibt schließlich eine außergewöhnliche Übereinstimmung: Der heutige Eigentümer lebt an derselben Adresse wie Claude Foussier. Der 300 SL steht damit erneut in jener Garage, in der er bereits zwischen 1956 und 1961 untergebracht ist. Unrestaurierter Originalzustand Ein umfangreiches Gutachten des Sachverständigen Dipl.-Ing. Klaus Kukuk bestätigt den außergewöhnlichen Originalzustand. Bis auf geringfügige Nacharbeiten an zwei Stellen weist die Karosserie durchgehend den Erstlack auf. Nummern an Karosserie, Mechanik und selbst an den Schlüsseln stimmen vollständig mit den Werksunterlagen überein. Der 300 SL befindet sich nach 34.000 Kilometern Laufleistung in unrestauriertem Originalzustand. Zum Fahrzeug gehören ein originales Kofferset (ein Teil fehlt), das Bordwerkzeug, ein spezielles Aluminiumteil zum Auswuchten der Räder, das originale Naturlederinterieur, die erste Kennzeichenkombination sowie sämtliche zeitgenössischen Gebrauchsspuren. Von den rund 250 Fahrzeugen mit NSL-Motor entstehen nur etwa 100 mit zusätzlichem Sportfahrwerk und Rudge-Rädern. Dieses Exemplar zählt damit zu den seltensten Ausführungen und entspricht technisch der Spezifikation der 29 Aluminiumkarosserie-Fahrzeuge. Der Erhaltungszustand eröffnet dem Eigentümer die Wahl zwischen behutsamer Konservierung oder behutsamer Freilegung der originalen Oberflächen. In jedem Fall erfüllt der Wagen die Voraussetzungen für Teilnahmen an internationalen Concours d’Elegance in der Preservation Class. Mit seinem Rohrrahmen, dem einspritzenden Reihensechszylinder, der Einzelradaufhängung und der aerodynamisch geprägten Karosserie steht der 300 SL in direkter Tradition des Motorsports. Die charakteristischen Flügeltüren sind konstruktive Notwendigkeit und prägen bis heute das Bild dieses Modells. In dieser Kombination aus Historie, Spezifikation und Originalität nimmt der Mercedes-Benz 300 SL mit der Fahrgestellnummer 198040-6500019 eine singuläre Stellung ein.