Mercedes-Benz gibt den Betrieb seines europäischen Schnellladenetzes ab. Alle 47 Ladeparks mit zusammen 374 Ladepunkten gehen an den französischen Anbieter Electra. Der Schritt beendet vorerst den eigenständigen Ausbau in Europa – während Mercedes seinen Kunden den Zugang zu den Standorten über den eigenen Ladedienst erhält.

Eine ausführliche Begründung für den Verkauf hat Mercedes nicht veröffentlicht. Die bisherigen Angaben deuten jedoch auf einen wirtschaftlichen Kurswechsel hin. Der Konzern steht unter Kostendruck, und ein eigenes Ladenetz bindet viel Kapital in Ladehardware, die nicht zum Kerngeschäft eines Autoherstellers gehört.

Kapital in Ladeparks gebunden

Der Verkauf war offenbar schon länger vorbereitet. Laut eines Quartalsberichts beschloss der Mercedes-Vorstand die Veräußerung im Juli 2026. Den Kaufvertrag unterzeichneten beide Seiten am 3. August. Einen Kaufpreis nannten Mercedes und Electra nicht.

Im Quartalsbericht war das europäische Netz zuletzt mit 99 Millionen Euro bewertet; davon entfielen 73 Millionen Euro auf Sachanlagen. Außerdem weist der Bericht Verbindlichkeiten von 21 Millionen Euro aus. Allgemein erfordert der Aufbau eines Schnellladenetzes hohe Investitionen in Standorte und technische Infrastruktur. Auch der laufende Betrieb muss sich rechnen.

Diesen wirtschaftlichen Druck beschreibt Electra-Deutschlandchef Paul Tonini für die Branche. Der Betrieb von Schnellladenetzen sei kostspielig und rechne sich erst ab einer gewissen Größe. "Die Kosten wären sonst einfach zu hoch für das, was ich damit an Erträgen erwirtschaften kann", sagte er gegenüber electrive.

Eigene Infrastruktur, aber weiter Zugang für Kunden

Mercedes hatte größere Pläne: Bis Ende des Jahrzehnts wollte der Autobauer weltweit mehr als 10.000 Schnellladepunkte betreiben. In Europa führt das Unternehmen den Aufbau nun nicht mehr selbst fort. Die Ladeaktivitäten in China und den USA laufen vorerst weiter.

Damit gibt Mercedes die eigenen europäischen Standorte ab, nicht aber den Zugang seiner Kunden zu Schnellladern. Über MB.CHARGE Public können Mercedes-Fahrer die Electra-Stationen weiterhin über das Fahrzeug-Infotainment oder die Mercedes-App finden und nutzen. Die Partnerschaft sieht vergünstigte Roaming-Konditionen vor. Auch Funktionen wie die Reservierung von Ladepunkten sollen auf das Electra-Netz ausgeweitet werden. Das deutet auf eine veränderte Rolle hin: Mercedes setzt in Europa stärker auf den Zugang zu einem fremden Ladenetz und auf die Einbindung ins eigene Kundensystem, statt die Ladeparks selbst zu betreiben.

Electra wächst deutlich

Für Electra bringt die Übernahme einen schnellen Ausbau in Deutschland. Das Unternehmen war dort im Mai 2025 gestartet. Mit den Mercedes-Standorten wächst sein Netz nach eigenen Angaben von 50 auf 81 Standorte. Europaweit betreibt Electra mehr als 800 Standorte mit rund 5.000 Ladepunkten in zehn Ländern. Für Deutschland plant der Anbieter für 2027 Investitionen von 200 Millionen Euro.

Von den 47 übernommenen Ladeparks stehen 31 in Deutschland und sechs in Österreich. Die übrigen verteilen sich auf weitere europäische Länder. Die technische Umstellung hat laut electrive bereits begonnen; in den kommenden Tagen sollen unter anderem die Bezahlterminals ausgetauscht und die Säulen im Electra-Design gestaltet werden.