Nico Hülkenberg und Interlagos, das ist eine ganz spezielle Beziehung. 2010 stellte der Deutsche in seinem Rookie-Jahr seinen Williams beim GP Brasilien völlig überraschend auf die Pole-Position. 2012 lag er in Führung, als ihm eine Kollision mit Lewis Hamilton einen möglichen Sieg raubte. Die Story von 2026 ähnelte der von Hülkenbergs Debütjahr. Auch damals herrschten in der Qualifikation schwierige Wetterbedingungen. Hülkenberg hatte bei abtrocknender Strecke die richtigen Reifen drauf. Diesmal drehte der Veteran die sechstschnellste Runde. Motorstrafen für George Russell und Charles Leclerc machen daraus den vierten Startplatz. Für Audi ist es das beste Trainingsergebnis des Jahres.
Diesmal war die Reifenwahl kein Hexenwerk. Starker Regen hatte die Qualifikation um eineinhalb Stunden verzögert. Das zwang alle im Q1 auf Regenreifen. Erst in der zweiten K.-o.-Runde ließ der Regen nach und machte den Umstieg auf Intermediates möglich. Im Q3 lief es dann wieder umgekehrt. Die Intermediates waren nur für zwei Runden gut. Dann begann es erneut zu schütten. Hülkenberg behielt von der ersten bis zur letzten Minute des Trainings den Überblick. Er war ständiger Gast in den Top 10. Das zählt umso mehr, weil der Audi-Pilot am Freitag keine Runde gedreht hatte. Am Morgen saß Junior-Pilot Freddie Slater im Audi. Dann war das Auto eine Baustelle. Eine lose Steckverbindung erforderte den Einbau eines neuen Kabelbaums.
Hülkenberg vier Mal auf P1
Das Q1 entwickelte sich zu einem Krimi. 18 Mal wechselte die Führung. Und vier Mal stand der Name Hülkenberg ganz oben. Am Ende belegte der lange Rheinländer den fünften Platz. Er kam auch ohne Zittern durch das Q2. Erneut als Fünfter. Im Top-10-Finale hätte es sogar noch besser laufen können. In seiner zweiten fliegenden Runde leistete sich Hülkenberg einen Verbremser in Kurve 8. Der Regen hatte gerade wieder zugenommen. "Das hat Nico eine halbe Sekunde gekostet. Mit einer perfekten Runde wäre er sogar noch vor Lawson gestanden", rechnete Audi-Projektleiter Mattia Binotto. Es reichte trotzdem für die zweite Startreihe.
Audis erste Sternstunde zeigt zwei Dinge. Erstens: Hülkenberg ist ein exzellenter Regen-Pilot. Zweitens: Wenn die Motor-Power eine reduzierte Rolle spielt, dann ist dieser Audi RS26 ein Auto, das es hinter den vier Topteams mit jedem aufnehmen kann. Dem Motor fehlen nach eigener Einschätzung rund 30 PS auf die Klassenbesten RB/Ford und Mercedes. Das macht auf trockener Strecke einen Unterschied von acht Zehntelsekunden pro Runde. Und ist im Rennen ein strategisches Handicap. "Wir überholen schwer andere Autos, werden aber leichter von anderen überholt", bedauert Binotto.
Kann Hülkenberg seinen Platz verteidigen?
Immerhin konnte Audi im Verlauf der Saison die Fahrbarkeit seines V6-Turbos verbessern. Ein kleinerer Turbolader, der zum GP Spanien debütierte, Modifikationen an der Motor-Software und eine neue Getriebeübersetzung mit längerem ersten Gang in Monza verbesserten merklich das Ansprechverhalten des Motors. Das PS-Manko des Verbrenners blieb, aber der Eingriff half auch, die elektrische Leistung des Hybridsystems sinnvoller einzusetzen, als nur das Turboloch damit zu stopfen. Das hilft auch im Regen.
Am Renntag geht Hülkenbergs Blick nach hinten. Einige der Stars starten wegen Strafen von weit hinten. George Russell von Platz 7, Charles Leclerc von Rang 14, Lewis Hamilton als Zwanzigster und Max Verstappen noch eine Position dahinter. Auch für den GP Brasilien ist Regen angesagt. Das könnte Hülkenberg helfen. Eine Aufholjagd auf trockener Strecke ist einfacher. Im Regen bietet nur die Ideallinie richtig Grip. Und auf der langen Zielgeraden wird die Gischt den Fahrern die Sicht vernebeln. Binotto will trotzdem den Tag nicht vor dem Abend loben: "Erstmal brauchen wir einen guten Start."