Bei Ferrari gehört die aktive Aerodynamik längst zum technischen Repertoire. Doch eine neue Patentanmeldung beim US-Patent- und Markenamt (USPTO) zeigt, wie weit die Ingenieure aus Maranello das Prinzip künftig auf die Spitze treiben wollen. Statt zusätzliche Flügel, Klappen oder Spoiler anzubauen, sollen ausgerechnet die Rückleuchten eine aerodynamische Funktion übernehmen. Die Idee dahinter: Die ohnehin benötigten Lichtmodule werden beweglich und können je nach Fahrsituation weit ausfahren und die Luftströmung am Heck beeinflussen.
Das Patent mit der Bezeichnung "Road Sports Vehicle with Variable Rear Downforce" beschreibt dafür unterschiedliche Konstruktionsvarianten. Eine vergleichsweise einfache Lösung zeigen die Zeichnungen am Beispiel eines Ferrari Purosangue. Hier sind die Rückleuchten Teil des hinteren Spoilers. In ihrer Ausgangsposition liegen sie weitgehend in die Karosserie integriert und beeinflussen die Aerodynamik kaum. Bei Bedarf bewegen sie sich nach hinten und oben in den Luftstrom hinter dem Spoiler. Dadurch verlängern sie gewissermaßen dessen wirksame Fläche und können zusätzlichen Abtrieb erzeugen – ohne dass ein weiteres Aerodynamikteil ausgefahren werden muss.
Interessant ist dabei, dass Ferrari die beiden Rückleuchtenmodule unabhängig voneinander ansteuern könnte. So ließe sich die aerodynamische Wirkung links und rechts unterschiedlich dosieren. Das könnte insbesondere in Kurven Vorteile bringen, weil die Belastung der beiden Fahrzeugseiten unterschiedlich ausfällt. Wie eine solche Regelung konkret funktionieren soll, lässt die Patentschrift allerdings offen.
Hypercar mit ausfahrbarem Langheck
Noch radikaler fällt eine zweite Variante aus. Sie ist an einem extrem flach gezeichneten Mittelmotor-Hypercar zu sehen, dessen Gestaltung an einen weiterentwickelten Ferrari F80 erinnert. Hier sitzen die beweglichen Lichtmodule in einem aerodynamischen Kanal zwischen dem oberen Flügel und dem Heckdiffusor. Je nach Position können sie den Luftstrom durch diesen Kanal verändern oder mit dem darüberliegenden Flügelelement zusammenarbeiten. In einer weiteren Stellung fahren sie weit nach hinten aus und bilden eine Art verlängertes Heck. Das erinnert an das aktive Langheck-Konzept des McLaren W1.
Ferrari nennt in der Patentanmeldung keine konkreten Werte für den möglichen Abtrieb. Dass die Marke das Potenzial aktiver Aerodynamik bereits nutzt, zeigen jedoch ihre aktuellen Modelle. Der Heckflügel des F80 erzeugt bei 250 km/h mehr als 180 Kilogramm Abtrieb und kann in einer anderen Stellung den Luftwiderstand reduzieren. Auch der 296 Speciale besitzt einen aktiven Heckflügel, der zwischen drei Positionen für geringen Widerstand sowie mittleren und hohen Abtrieb wechselt.
Der neue Ansatz geht allerdings einen Schritt weiter: Ferrari will nicht einfach ein zusätzliches bewegliches Bauteil einsetzen, sondern eine vorhandene Komponente gleich doppelt nutzen. Das spart im Idealfall Platz und ermöglicht zusätzliche aerodynamische Funktionen, ohne die Karosserie mit weiteren Flügeln und Klappen zu überfrachten.
Ferrari ist nicht allein
Ganz neu ist die Verbindung von Beleuchtung und aktiver Aerodynamik nicht. Lotus meldete im Dezember 2023 ein Patent an, bei dem eine verstellbare aerodynamische Komponente – etwa ein Spoiler oder eine Finne – eine integrierte Beleuchtung besitzt. General Motors beschrieb bereits 2017 eine Lösung, bei der eine Lichtquelle an der Karosserie eine reflektierende Fläche an einem beweglichen Heckflügel beleuchtet. Ferrari verfolgt nun den umgekehrten Ansatz: Nicht die Aerodynamik bekommt eine Leuchte, sondern die Leuchte wird zum Aerodynamikbauteil.
Allerdings dürfte die Umsetzung aufwendig werden. Bewegliche Rückleuchten benötigen zusätzliche Aktuatoren, Dichtungen und Führungen. Diese müssen dauerhaft gegen Wasser, Schmutz, Hitze und Vibrationen geschützt sein. Hinzu kommen Fragen zur Haltbarkeit, zum Gewicht und zu den Reparaturkosten. Auch die lichttechnische Zulassung müsste berücksichtigen, dass sich die Position der Leuchten während der Fahrt verändert.
Ob Ferrari die patentierte Technik tatsächlich in einem Serienmodell einsetzen wird, ist offen. Patente sichern zunächst technische Ideen und sind keine Ankündigung eines konkreten Produktionsvorhabens. Denkbar wäre der Einsatz in einem künftigen Spitzenmodell, einem Nachfolger des F80 oder einer besonders radikalen Sonderversion. Klar ist aber: Ferrari sucht weiter nach Möglichkeiten, den Abtrieb zu erhöhen, ohne dafür einfach immer größere Flügel montieren zu müssen.